Eine öffentliche Meinungsäußerung zu einem Nachtmagazin (ARD) Beitrag

Hallo liebes ARD-Tagesschau/Themen/Nachtmagazin-Team,

eine Frage: Was hat euch bei dem Beitrag gestern abend im Nachtmagazin geritten? Der war sowohl von der Objektivität (die es in dem Beitrag nicht gab) als auch von der Darstellung der Inhalte sowas von an euren normalen Qualitätsmaßstäben vorbei…

Es beginnt schon einmal damit, dass zum Thema Urheberrecht ausgerechnet die GVU (sprich den Lobbyisten, der wahrscheinlich am liebsten sogar STRG+C verbieten würde) befragt wird, aber keine Gegenstimme aus der laaaaaangen Reihe der Anti-ACTA-Gruppe kommt (und das sind nicht nur die Piraten, auch Netzpolitik.org und fefe.de sind dagegen, obwohl sie selbst auch Flattr-Einnahmen für freie zugängliche Podcasts haben). Dann werden die „typischen“ Nutzer dargestellt, wobei ihr wohl eher ins Internetcafe neben der Uni gegangen seid (so vom Altersschnitt her kam das hin), um zu beweisen, dass wir Internetnutzer alle böses Raupkopierer sind und das gar nicht schlimm finden.

Dann gehts weiter, zunächst wird das Streamen verdammt, danach darf dann auch noch ausgerechnet einer dieser Abmahnanwälte, die ihren Lebensunterhalt nur damit bestreiten, Kinder und Studenten und alte Leute mit Mahnungen über mehrere Tausend Euro und das allzuoft ungerechtfertigt, von wegen ‚IP-Dreher‘ oder ‚falsche Datei‘ und was die nicht alles schon an Fehlverurteilungen produziert haben, zu versehen.

Ganz ehrlich, in welcher Form entspricht dieser Beitrag den Qualitätskriterien von Objektivität, Seriösität und Unparteilichkeit, die sich der Öffentlich-rechtliche Rundfunk gestellt hat? Die Gegenseite kam nicht zu Wort, deren Argumente wurden grundsätzlich nur gegen sie verwendet usw.

Dabei ist gerade das Thema Urheberrecht im Internet ein kompliziertes Feld und kann nicht auf Raubkopieren beschränkt werden.

Da wäre zum einen, dass diese Abmahnanwälte eine regelrechte Industrie aufgebaut haben, um an einen stetigen Fluss von IPs zu gelangen. Eine Data-Mining-Firma gibt in Filesharing-Netzen vor, eine bestimmte Datei zu tauschen, tut es in Wirklichkeit aber nicht, sondern saugt sich nur alle IPs von denen die grade in dem betreffenden Netzwerk umherschwirren, diese Listen mit mehreren tausend IPs gehen an die Staatsanwaltschaft, die… LEHNT die Untersuchung AB, verweist korrekterweise auf Zivilverfahrensmöglichkeit, der Freibrief, mit dem dann die Anwälte mit der Liste zu den Gerichten gehen, die einfach ungeprüft (wer kann mehrere tausend IPs checken?) eine Anforderung an die Internet-Provider genehmigen, dass die die Nutzerdaten rausgeben müssen, und der Anwalt schickt dann an alle, von denen er Daten erhalten hat, nette Briefe mit überhöhtem Streitwert und somit horrenden Anwaltskosten. Und solche Leute unterstützt ihr, dass die sich in die Kamera setzen dürfen und frech grinsend sagen dürfen: „Wir werden noch mehr abmahnen“? Wunderbarer Journalismus, geht lieber mal drauf ein, dass schon viele Anwaltsbüros die so agieren beim Betrügen erwischt wurden, von mit dem Anwaltsrecht nicht vereinbaren Verträgen mit den Medienunternehmen über falsche Beschuldigungen, falschen Angaben in den Mails (es wird zur Einschüchterung mit möglichen gerichtlichen Schritten gedroht, obwohl die Abmahnung doch grade deshalb kommt, weil der Staatsanwaltschaft die strafrechtliche Prüfung schon abgelehnt hat) bis hin zum HANDEL mit den IPs untereinander (von Datenschutz halten die nämlich wenig, anders als die Piraten.)

Das nächste: Viele Künstler, Labels und Privatleute sehen die derzeitige Handhabung des deutschen Urheberrechts mehr als kritisch. Beginnend mit den GEMA-Sperren auf Youtube, dank derer die Künstler und Labels nicht mehr ihre Musik bewerben können (denn wenn ein deutscher User das neue Lied eines Künstlers, das dieser selbst hochgeladen hat, anschauen will, kriegt er nur die schwarze GEMA-Sperrtafel zu sehen), über die Einsicht, dass es sich für den eigenen Ruf nicht gut macht, wenn man die Kunden, sprich die Hand aus der man frisst, ewig mit Beschränkungen ihres Medienkonsums konfrontiert (ja, genau das, was die GVU in dem Beitrag verlangt, anscheinend redet sie mal wieder nicht für alle Urheber), sei es DRM, Internetsperren, Kopierschutz, durch den sogar die Privatkopie verboten ist usw., wird in dem Beitrag nichts gesagt. Jan Delay hat erst im Dezember 2011 auf Facebook einen wütenden und danach einen erklärenden Beitrag veröffentlicht, dass er sogar dafür ist, dass die Menschen sich die Musik untereinander sharen, solange sie die Bands und Stars, von denen sie Fan sind, dadurch unterstützen, zu deren Konzerten zu gehen, deren Alben zu kaufen und sie auch ansonsten zu supporten. Schlechte Musik müsse man aber echt nicht kaufen.

„Raubkopien“ (wobei der Begriff eh schwachsinn ist, was man raubt, kopiert man nicht, sondern entwendet mit Gewalt, was man kopiert, das behält der vorherige Besitzer, oder vernichtet ihr ein Buch, nachdem ihr eine Seite darauf kopiert habt mit dem Redaktionskopierer?) können sowohl negative als auch positive Folgen haben: Die Negativen sind klar und die müssen wir alle in der Medienbranche ertragen, ist das unser Urheberrecht stark mißachtet wird, dass man oft nicht mal als Autor/Urheber genannt wird, wenn jemand etwas veröffentlicht, dass man natürlich von den meisten Kopierern kein Geld kriegt usw. Die Positiven sind aber ebenso existent: Das Medienprodukt was kopiert wird, wird bekannter. Viele dieser kurzentschlossenen Nutzer, die etwas lesen und es unbedingt sehen wollen, jetzt sofort, können es. Die würden aber nicht sofort in die Videothek oder zum Mediamarkt gehen, und bis sie mal da sind, hätten sie ihren Wunsch nach genau diesem Produkt längst vergessen. Und das obwohl ihnen vielleicht der Film oder das Musikstück wirklich gefallen hätte (und sie es dann womöglich sogar auf DVD gekauft oder das ganze Album erworben hätten). Und womöglich hätte dann der Händler das Produkt gar nicht gehabt, dank des Internets wird man mit soviel Kultursphären bekannt (ich z.B. mit der asiatischen Popkultur), die hierzulande nirgends zu finden ist (und von denen auch viele schon viel weiter sind in der Adaptierung ihres Wirtschaftsmodells, im Vergleich zu Deutschland, das meint, mit Verboten und Restriktionen alte überkommene Strukturen aufrechterhalten zu können (fast schon wie die ewige Steinkohleförderung im Ruhrgebiet, obwohl seit den 80er Jahren klar war, dass Bergbau in Deutschland nicht mehr gängig ist.))

Vor allem verstehe ich nicht, wieso grade ihr von den Tagesthemen so einen Beitrag loslasst. Erst am Donnerstag habt ihr auf http://www.tagesschau.de eine lange FAQ-Liste veröffentlicht, warum eure App gut ist und das was ihr dort geschrieben habt, stimmt, das Internet ist eine Veränderung der Vertriebswege, durch die das althergebrachte System der Medienbranche (also Musik, Film, Fernsehen, Zeitung, whatever) neu verhandelt werden muss und ja, Einschränkungen hier sind in den meisten Fällen kontraproduktiv für alle Beteiligten (Konsumenten, Medien, Internetindustrie). Wieso vertretet ihr im Internet, wenn es um eure App geht, die gleichen Ansichten wie 99% der Internetnutzer auch, aber wenns dann um Streaming, Musikkopie usw. geht, blast ihr ins Horn der GVU, in der dieselben Medien (Springer usw.) sitzen, die euch doch bei der App das Leben schwer machen?

Dieser Beitrag ist (da es eine öffentliche Meinungsveröffentlichung ist) auch im Acme.Blog unter https://saschap.wordpress.com nachlesbar,

Vielen Dank fürs Lesen und womöglich Beantworten,

Sascha Sierk.

Update: Nebenbei noch einige Sachen, die mir so im Nachhinein einfallen: Wie viel in dem Beitrag noch fehlerhaft berichtet wird. Es wird behauptet, immer mehr Menschen würden am Kino vorbei ins Internetcafe zum Film schauen gehen, dabei beweisen die Kino-Statistiken, dass die Zahl der Menschen, die ins Kino gehen, seit den 90er Jahren wieder zunimmt. Und das Internetcafe um die Uniecke herum erweist sich, wenn man genauer hinschaut, sogar als die MENSA der Uni Hamburg, wo anscheinend wahllos ZWEI MENSCHEN befragt wurden (ist ja auch praktisch, dass heute wir Studies mit Notebooks überall rumsitzen, da kann man ja gleich daraus ein Internetcafe stilisieren, auch wenns die Bibliothek oder der Raum vorm Audimax ist.)

Und auch vergessen im Artikel habe ich den Einwand, dass auch ARD und ZDF vom illegalen Streaming profitieren: Sehr viele haben sich ältere Folgen der Heute Show oder z.b. auch die auf tagesschau.de gesperrte Tagesschau-Sendung schon auf youtube angeschaut, da ZDF und ARD ja zum Löschen der meisten Inhalte nach SIEBEN Tagen verpflichtet sind (dank der lieben Verleger, die ja gerne die Konkurrenz verbieten.) Und sind beim Schauen der 360kbit-Aufnahmen auf den Geschmack gekommen, doch mal um 22:30 ZDF anzuschauen. Ohne Streaming wären diese Glanzstücke öffentlich-rechtlichen Medienschaffens im Datenpapierkorb gelandet, für immer.

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