Und ewig nervt das Politikgebasche

Kaum ist ein Kandidat von fünf der acht in der Bundesversammlung vertretenen Parteien gekürt (die Rede ist von Gauck als Kandidat von SPD, Grünen, FDP, CDU und CSU), schon beginnen die politischen Gegner gegen ihn zu wettern.In einem Piratenpad kann man alle Schlechtigkeit lesen, die Gauck von sich gegeben hat oder haben soll und auch fefe lässt sich mal wieder seinem Ruf als Keifer des Internets zu für ihn langen Blogeinträgen treiben.

Was wird da wieder alles aufgefahren: Fotos von Gauck mit Maschmeyer werden gepostet (ohne dabei zu unterscheiden, ob hier ein pensionierter Beamter grade einen Cocktail trinkt oder ob (Wulff) ein aktiver Ministepräsident sich zu etwas einladen lässt), dass Gaucks früher Stellvertreter beim BfV (Behörde für Verfassungsschutz, leider nicht nur von Nazis, sondern auch für viele Linksradikale ein Intimfeind) war, wird ebenso zur Kritik herangezogen wie die Bezeichnung von Sarrazins Auswurf zur deutschen Integrationspolitik als mutig, wobei ganz aus dem Kontext gezogen wird, dass Gauck dieses auf die Wahl der Sprache und Drastigkeit von Sarrazins Äußerungen bezog, nicht auf den Inhalt von dessen Thesen (denn dass könnte man ja wieder so werten, dass Gauck womöglich auch eine wenig unterwürfige Sprache wählen wird, was ihm ja zugute zu halten wäre). Ein Mitglied der Atlantikbrücke zu sein ist für gestandene alternativlose Alternative natürlich auch etwas böses, obwohl vergessen wird, dass sogar Helmut Schmidt dazu gehört. Ist halt beliebter als die Kubabrücke der Linken.

Genauso schlimm für Linke natürlich: Gauck befürwortet dessen weitere Beobachtung. Eigentlich klar für einen Menschen, der jahrelang verfolgt wurde und die Behörde leitete, die mit zur Aufklärung vieler persönlicher Stasiverbrechen zuständig war. Auch wenn er womöglich in der DDR-Zeit ein IM war (IM Larve) und auch wenn die Beobachtung von Gysi nicht mehr notwendig sein sollte (offen links agierende Menschen bespitzeln bringt echt nix, schaut lieber öfter mal im Untergrund vorbei, liebes BfV, am besten auf beiden Seiten des politischen Spektrums). Dazu passt übrigens auch, dass Gauck die Speicherung von Verkehrsdaten nicht als Beginn des Spitzelstaates ansieht, womit er recht hat: Dieser beginnt nämlich erst, wenn der Staat diese auswerten will, die Tonnen Papier der Stasi hätten keinerlei Auswirkung auf die Menschen gehabt, wenn nicht andere Menschen diese Akten gelesen und daraus Strategien gegen andersdenkende erdacht hätten. Der Spitzelstaat beginnt da, wo der Staat Daten verwerten will zur Bespitzelung. Dass man Verkehrsdaten nicht unendlich lange speichern will, dessen Ansicht bin ich auch, aber nur um es mal zu vergleichen: Die VDS verlangte 6 Monate Aufbewahrung… Google bewahrt die persönlichen Daten aus Emails und Co. 9 Monate lang auf, reine Suchdaten 18 Monate! Wer bespitzelt hier wohl mehr?

Genauso böse: Gauck ist für einen gesunden Patriotismus. Das passt natürlich gar nicht ins Bild der Linken und Alternativen. Doch was ist an der Aussage: „Warum überlassen wir den Stolz den Bekloppten“ denn so falsch? Ja, warum tun wir das denn, wieso sind die einzigen, die sich unverfangen zu Deutschland äußern, besoffene Fussballfans bei Länderspielen und Neonazis auf NPD-Veranstaltungen? Das eine ist noch verständlich, aber gerade die Nazis sind in meinen Augen kein Teil Deutschlands. Stimmen bei vielen Menschen gewinnen sie aber dadurch, dass sie sich als eben solche darstellen. Und zurück zu Gauck, selbes Interview, andere Seite, deutliche Aussage: „Worauf die Neonazis stolz sind, hasse ich“.

So spricht doch kein Antisemit, als den Clemens Heni den Bundespräsidentschaftskandidaten ansieht. Wieso er das tut? Weil Gauck sagt, dass wir den Holocaust nicht soweit überhöhen dürfen, dass er nicht mehr analysiert und beschrieben werden kann. Dogmen sind nie gut für eine kritische Auseinandersetzung, fragt mal euren Pfarrer bezüglich seiner persönlichen Meinung zur Papstpolitik und ihr werdet diesen Zwiespalt feststellen. Es ist nicht Holocaustleugnung, wenn man kritisiert, dass alle Deutschen komplett unter Generalschuld gestellt werden aufgrund des Holocausts, nur aus der Angst, man könnte diesen vergessen, wenn man an die Flüchtlinge und Vertriebenen denkt (meine Großmutter wurde als Kind von 10 Jahren aus Unterschlesien vertrieben, glaubt ihr, sie hat einen einzigen Juden umgebracht? Auch die Flucht aus Polen, Ostpreußen und Tschechien ist Teil der Geschichte des 2. WK.)

Natürlich auch kritikwürdig: Gauck empfand die Occupy Frankfurt-Demos als albern und war gegen einen Baustopp bei Stuttgart 21. Nebenbei wie die Mehrheit der BWler ja anscheinend auch. Und sorry, Teile von Occupy Frankfurt wie aller anderen Veranstaltungen waren reiner Klamauk und haben leider auch von den wichtigen Themen dieser Demos abgelenkt! Und verebbt ist Occupy Frankfurt auch, denn leider ist eines nur allzu wahr: Der Atem der Alternativen Demonstranten ist oftmals sehr kurz, zu kurz für nachhaltige Auswirkungen auf die Politik! Dafür sollte sich eher mal die Alternative Szene Gedanken machen, nicht darüber, ob sie ein möglicher BP albern findet.

Wer den BP nicht mag, kann aber immer noch dagegensteuern: Die Wahl des BP ist am 18. März. Und die Piratenpartei ist (neben den Linken und der NPD) Teil der wählenden Bundesversammlung. Ergo kann sie ihren Wunschkandidaten Georg Schramm ernennen und zwei Kandidaten im Rennen wäre mit Sicherheit auch spannender als eine Alleinkandidatur von Gauck. So wie Fefe, der mal wieder das Kind mit dem Bade ausschüttet (weil er in seinem Troll-Wahn nicht versteht, dass es in der seriösen Politik nicht schadet, mal ein wenig zu warten), ist es nunmal nicht, auch wenn die Piraten erst heute, am Dienstag oder Mittwoch (ich empfehle Mittwoch, dann ist der Gauck-Hype abgeebbt und die Medien benötigen neues Futter, sofern bis dato nicht die Koalition zerbrechen sollte) ihren Kandidaten küren. Allein die Kür eines eigenen Kandidaten wird dafür sorgen, dass man wieder von den Piraten hört. Und weil jeder gute Internetdisput mit Godwins Law endet, hier der Hitlervergleich: Auch die NSDAP trat in allen Reichspräsidentenwahlen mit einem eigenen Kandidaten auf, mal Ludendorff, mal Hitler selbst, nur um damit kläglich zu scheitern. Aber bekannter wurden sie dadurch.

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