Entführt durch einen Unbekannten

Deutschland – oder besser gesagt die 1,25 Mio Zuschauer des Finales zu „Ein Lied für Lena“ haben entschieden: Lena’s Titel für das Eurovision Song Contest-Finale im Mai ist „Taken by a Stranger“. Und ich frage mich nur noch: Warum?

Ich habe mir natürlich wie es sich für die Recherche gehört den Auftritt auf myVideo angeschaut, um zu hören, wie dieser Titel so rüberkommt.

Rüberkommen ist dann auch schon das erste Problem: Beim Liveauftritt, der auf myVideo zu sehen ist, kommt nicht viel rüber. Das stellt sich in meinen Augen als ein Problem dar: Der Eurovision Song Contest ist ein Live-Event, wenn man da live nicht gut rüberkommt, hat man verloren. No Angels, die nicht unbedingt den schlechtesten Song 2008 hatten, versagten kläglich beim Versuch, ihre fehlenden Live-Gesangskünste zu präsentieren.

Es liegt nicht einmal an Lena selbst, dass der Song nicht gut rüberkommt. Für das was ihr da angeboten wird, versucht sie ihr Bestes zu geben. Nur der Song ist eine reine Soundsoße. Das meine ich ernst, ein wenig Basedrum wie aus einer Türken-Limo (also BMW 3er mit der größten Soundanlage ganz Salzburgs), ein paar Klänge aus einem 80er-Jahre Synthi, psychodelische Padklänge und ein ewig gleichbleibender Rhythmus. Man merkt nicht einmal, ob und wo es einen Refrain gibt, es gibt keine wirklichen Akzentuierungen der Musik, nichts.

Gut, sowas gibts ja oft, das muss dann die Sängerin wettmachen. Nur wir reden von Lena. Ihr Stimmchen ist auch mit 20 nicht unbedingt das, was man eine Rockröhre nennt. Sie kommt in der ganzen Soundsoße kaum durch, was den Song noch eintöniger macht.

Ob man damit beim Eurovision Song Contest in Düsseldorf gewinnen kann? Ich glaube es nicht, aber ich war auch schon bei Satellite der Meinung, dass es nicht klappt. Ich bin halt kein Musikmacher, sondern Musikabspieler. Große Hoffnungen habe ich zwar nicht, aber wir werden es ja bei der Endausscheidung sehen.

Ach so und noch eine Sache: Stefan Raab als ESC-Moderator geht gar nicht. Nichts gegen Raab, aber Schuster bleib bei deinen Leisten. Raab ist Late-Night-Showmaster, mehr nicht. Er moderiert nicht mal seine Samstag-Abend-Shows selbst, dass übernimmt immer der Opdenhövel, er hat auch keinerlei Erfahrungen damit. Ich als Moderator von Musiksendungen würde mir auch nicht einfallen lassen, dass ich mal eben die Kulturzeit von Ö1 moderieren könnte.

Hape Kerkeling wäre da in meinen Augen viel geeigneter, seine Erfahrungen im Bereich Show sind bekannt, außerdem kennen ihn die ausländischen Zuschauer schon von der Stimmenvergabe 2010. Außerdem ist Hape nicht mit dem Nachteil versehen, dass sein Protége auftreten muss, was vielleicht sogar Lenas Gewinnchancen verringern könnte.

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Acme.Anime empfielt: Hekikai no Aion

Acme.Anime meldet sich auch mal wieder und zwar mit der Buchbesprechung eines neuen Mangas von Yuna Kagesaki, Hekikai no Aioun.

Der Karin/Cheeky-Vampire-Manga von Yuna Kagesaki ist bekannterweise beendet, alle 14 Bände sind bereits in Deutschland erschienen, die Romane folgen derzeit. Da die Zeit natürlich nicht stehen bleibt für eine Mangaka, zeichnet und illustriert Yuna Kagesaki aber bereits einen neuen Manga. Hekikai no AiON spielt wieder in einer Welt, in der sich Mystik und Realität vermischen. Dieses mal allerdings trifft nicht die Welt der Vampire auf die Menschenwelt.

Tsugawa Tatsuya ist ein 16jähriger High-School-First-Grader und muss neben diesem Einschnitt in sein Leben auch den Unfalltod seiner geliebten Eltern überwinden. Sein Vater gab ihm auf dem Sterbebett noch mit, dass er „ein Mann großen Kalibers“ werden solle, nur dann wäre er ein wahres Mitglied des Tatsuya-Clans. Tsugawa kann sich aber nichts unter diesem Begriff vorstellen.

In seiner neuen Schule läuft oder besser gesagt fällt ihm gleich ein bisher unbekanntes Mädchen entgegen: Seine Miyazaki. Sie wird anscheinend von ihren Klassenkameradinnen gemobbt und brutal verprügelt, was der sehr mitfühlende und Gerechtigkeits liebende Tsugawa verhindern möchte. Doch sie fordert ihn dazu auf, sie in Ruhe zu lassen, sie wolle gemobbt werden.

Am Abend muss er miterleben, wie die Klassenkameradin und Seine in einen Kampf auf Leben und Tod verwickelt sind: Seine wird gewürgt und aus dem 3. Stockwerk geworfen. Natürlich ist sie durch den Sturz tot. Aber nicht lange, ehe Tsugawa den Verlust des Mädchens betrauern kann, steht sie schon wieder vor ihm und greift das sie mobbende Mädchen mit einem merkwürdigen Monster, dem Aion, an.

Wer ist dieses Mädchen, warum lebte sie lange in einem Pappkarton? Wieso lässt sie sich mobben und ermorden? Und wieso wird sie nach ihrem offensichtlichen Tod wieder lebendig? Was ist Aion, was diese „Mushis“, von denen die Menschen, die sie angreifen, befallen sind?

Alles Fragen, die sich im Manga im Laufe der Kapitel klären, auch wenn immer neue Rätsel aufgeworfen werden und auch wenn der Manga in Japan noch nicht komplett erschienen ist.

Mit Hekikai no Aion ist Yuna Kagesaki ein weiteres Mal ein Geniestreich gelungen. Die bestehende Mischung aus übernatürlichen Wesen und der japanischen Alltagskultur (besonders die Totentrauer, eigentlich ein Tabuthema, wird näher erläutert), die bereits bei Karin/Cheeky Vampire erfolgreich angewandt wurde, wird hier auf die Spitze getrieben. Ein wenig sind die Figuren zwar aus der westlichen Welt „entlehnt“ (aus der Meerjungfrau Arielle wurde die böse Ariel), der Manga bietet aber in seiner (für Kagesaki fast schon üblichen) Umwälzung sämtlicher traditionellen Mythologien (wobei Anleihen an den Geschichten um Meerjungfrauen, Atlantis, dem Magiker Simon (der ein wenig an Petrus erinnert), Hexen und mächtigen Drachen verwendet wurden) viele spannende Anknüpfungspunkte.

Ein wenig Fanservice fehlt auch nicht, zwar ist Seine kein Mädchen, dass sich (anders als Karin) für irgendwas schämt, trotzdem fällt in pikanten Szenen immer rein „zufällig“ das Haar oder die Schuluniform über bestimmte Bereiche. Auch werden heutige Phänomene der Mangaszene wie Lolicon komplett aus ihrem Klischee entrissen, woran man gut die zweite Hauptrichtung von Kagesakis Schaffen, Ero-Games, erkennen kann.

Alles in allem ein lesenswerter Manga, wer ein wenig googlet kann sich auch leicht einige Anreize verschaffen.

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„gedanklich noch nicht fertig“ (Karl Ernst Thomas de Maizière)

Und auch heute nehmen wir wieder einen Politiker auseinander, den Herrn Karl Ernst Thomas de Maizière (Karl Ernst Thomas, da laut seinem elektronischen Pass Karl der wichtigere Name ist, Thomas ist der dritte Rufname). Bekanntermaßen der Innenminister der Bundesrepublik Deutschland.

Herr de Maizière war eingeladen zu einer Podiumsdiskussion der Humboldt-Universität in Berlin, Thema „Wikileaks“. Und auch Herr de Maizière ist gut darin, Platitüden loszulassen, bei denen einem sich die Haare raufen. Hier mal ein paar Zitate und Kommentare dazu:

1. de Maizière schlussfolgerte zum Beispiel aus dem Fakt, dass wir Diebstahl ja nicht legalisieren, weil es Diebstahl gibt, dass man auch Whistleblowing nicht straffrei stellen könne, dann gebe es keine Geheimnisse mehr.

Super Argument, oder? Wobei eigentlich total daneben, weil hier Äpfel und Salat verglichen werden. Beides ist strafbar, das wars aber auch. Diebstahl wird im Normalfall nicht nach Robin Hood-Manier betrieben, sprich: Ich klaue etwas, um es den anderen zu geben. Whistleblowing ist Datendiebstahl für die Allgemeinheit. In einem gewissen Rahmen waren auch die Steuerdaten-CDs Whistleblower, auch sie verbreiteten Daten, die unter Geheimhaltungscharakter standen, nur dass sie die an die BRD verkauften (also auch noch selbst Nutzen draus zogen) und die BRD sie gerne annahm. Bei den Wikileaks-Depeschen sitzt der Whistleblower im Gefängnis und kein Staat will sie… wahrscheinlich, weil sie ihm nicht nützen. Nur: Hat man damals bei den Steuerdaten-CDs sich darum gekümmert, ob es den Schweizer Banken gefiel, dass ihre Kundendaten mal eben in die Welt verkauft wurden?

2. de Maizière kritisierte danach laut netzpolitik.org, dass Einzelne entscheiden würden, alles müsse transparent sein und dann einfach Sachen veröffentlichen.

Eine interessante Einstellung. Nebenbei eine der Grundeinstellungen des Journalismus, zumindest des investigativen Teils hiervon, bei dem versucht wird, intransparente Vorgänge transparent zu machen, notfalls auch gegen den Willen der Betroffenen. Herr de Maizière scheint sich nicht so sehr mit Dingen wie Medien zu beschäftigen, was ein weiterer Quote zu beweisen scheint.

3. Er wurde gefragt, ob man Wikileaks nicht unter die Pressefreiheit stellen solle. de Maizière meinte zu diesem Thema, dass er das begrüßen würde, aber ob die Weiterverbreitung von Informationen unter die Pressefreiheit fiele, damit sei er „gedanklich noch nicht fertig.“

Hoffentlich denkt er schnell, schneller als ein Journalismus-Professor zum Beispiel, der ihm in zwei Sätzen erklären würde, dass Informationsweitergabe die Grundaufgabe des Journalismus ist und somit natürlich unter die Pressefreiheit fällt. Die Presse ist für die Weitergabe, Interpretation und Kommentierung von Berichten über Ereignisse, Aussendungen usw. zuständig. Ich frage mich, woher Herr de Maizière sich die Frechheit rausnimmt, über Pressefreiheit was aussagen zu wollen, wenn er nicht einmal die Grundlagen des Medienrechts zu kennen scheint.

4. Um ein wenig abzulenken, ging Herr de Maizière zwischendurch auch auf das Thema „Netzneutralität“ ein; er fragte sich, wer entscheiden würde „bei begrenzten Netzkapazitäten“, was ins Netz kommen solle. Ob das der Provider entscheiden würde, ob es ein Diskriminierungsverbot wie im Kartellrecht gebe, oder ob es der Staat regeln würde, was übertragen werden dürfe. Dass alles gleichberechtigt sei, käme zu einem Ende.

Erst einmal die Beantwortung seiner Fragen, da er sich wahrscheinlich nicht selbst um seine Homepage, denn sonst wüsste er wahrscheinlich, wie das mit dem „begrenzten Platz“ im Internet bestellt ist: Es gibt ihn nicht. Ob man nun einen Account mit 10 MB Webspeicher, einen mit 100 MB oder einen mit 1 GB Webspeicher besitzt, liegt allein daran, was einem der Provider geben will. Je nachdem, wieviel man zahlen möchte und wie viele Server der Provider betreiben möchte.

Ein Diskriminierungsverbot gibt es somit nicht, wer wenig bis gar nichts zahlen will, muss auf Freespace-Betreiber zurückgreifen, bei denen die Größe des Speichers und oftmals auch einzelne Funktionen eingeschränkt sind. Wer sich viel leisten kann, kriegt viel Speicher oder richtet sich wie die großen Firmen gleich eigene Server ein. Für die Speichergröße des Internets gibts eigentlich nur einen Faktor, der ihn begrenzt: Die Rate, in der Festplatten produziert werden, auf denen die Daten gespeichert werden. Die ist aber so hoch, dass man sagen kann: Der Speicherplatz im Internet ist unendlich groß, die Frage ist nur wie man auf alle Daten zugreifen will, ohne dass es in der Unübersichtlichkeit verendet.

Die Übertragungskapazitäten sind dagegen nicht unbegrenzt. Zumindest nicht pro Kabel, man kann natürlich immer noch ein weiteres Kabel legen, allerdings nutzen wir heute noch nicht die volle Kapazität unserer bereits gelegten Kabel aus. Da ein Internetkabel eigentlich nichts anderes ist als ein an den Ethernet-Port angeschlossenes Netzwerkkabel, die es mittlerweile fürbis zu 100 Gigabit/s gibt (ein normales Netzwerkkabel zuhause macht 100 Mbit). Die besten Angebote fürs Heiminternet liegen bei 32 Mbit/s, es besteht also noch sehr viel Luft nach oben.

Gleichzeitig bemühen sich die Betreiber großer Seiten wie Youtube, myvideo und Facebook darum, ihre übertragenen Daten immer besser zu komprimieren, um Traffic zu sparen, denn bei einem immer größerem Volumen an zu übertragenden Filmen in immer besserer Qualität bedarf es guter Verkleinerung des Datenstroms, unkomprimiert würde ein 5 Minuten Film in HD rund 4 Gigabyte Größe haben. Was natürlich heißt, dass selbst wenn die Qualität und die Anzahl der gleichzeitig zu übertragenen Filme von zum Beispiel Youtube weiter rapide zunähme, die zu übertragene Datenmenge trotzdem nicht im gleichen Maße steigt, da die Daten immer stärker verpackt werden. So schnell verstopft also eine Leitung nicht.

Herr de Maizière scheint hier also auf die üblichen Tricks der Provider reinzufallen, die uns andauernd weissmachen wollen, das Internet würde „voll werden“. Vielleicht sollte er statt bei Telekom oder Vodafone einmal beim Chaos Computer Club nachfragen, wie das so ist mit Netzneutralität und die einzigen, die was gegen die Netzneutralität haben, die Telekommunikationsunternehmen sind.

5. Sein Exkurs in die Netzneutralität (der Sorte „ich wollte es nur mal sagen“) war aber eh nur kurz, danach kamen weitere „Money-Quotes“ (Fefe): de Maizière sei dafür, dass die Weiterverbreitung von Informationen erst einmal straffrei sei.

Stimmt, denn wie bereits ausgeführt, ist sie eine der Grundeigenschaften des Journalismus und somit Bestandteil der ominösen Pressefreiheit.

6. Aber dass diejenigen, die Geheimnisse verraten, bestraft würden, fände de Maizière in Ordnung. Wir hätten genug Schutz, die Regelung könne so bleiben.

Wahrscheinlich befürwortet er auch Durchsuchungsmaßnahmen in Redaktionen, um Informantendaten zu bekommen. Oder zumindest Informanten einzuschüchtern. Nur für Herrn de Maizière noch mal: Zur Pressefreiheit und Redaktionsfreiheit gehört auch der Informantenschutz. Whistleblower sind Informanten, somit gehört es zur Ehre eines jeden Journalisten, ihn zu schützen.

7. Interessant ist seine Annahme, Journalisten würden mehr als eine Quelle für den Faktencheck heranziehen.

Das mag zwar ein Idealbild des Journalismus sein, aber ist de Facto oft nicht der Fall. Manchmal weil es einfach keine zweite Quelle gibt oder die zweite Quelle sich nicht äußern will, man mit der Story, weil sie brisant ist, aber trotzdem in die Öffentlichkeit gehen will, oftmals weil man einfach die Newsagenturen zitiert und hofft, dass die den Faktencheck schon gemacht haben, oftmals aber leider auch, weil einfach keine Zeit da war für das Abchecken einer zweiten Quelle. Da wird dann mal ohne einmal Google zu benutzen etwas gepostet und Leser, andere Zeitungen usw. fragen sich dann, wie das jeweilige Medium wieder auf das schmale Brett kamen, das sie verbreiteten.

8. Eines der wenigen Zitate von de Maizière, dass man öfter zitieren sollte, ist dann aber, dass in Gebieten mit einem Zeitungsmonopol (also in den USA 88,7% der Fläche, in Deutschland auch über 50%) das Internet als weitere Informationsquelle zu mehr Informationsvielfalt und einer neuen Informationskultur führen würde.

Da gibts wohl nichts zu zu schreiben, außer: Dann machen Sie die Gesetze auch so, dass es weiter so bleibt und boykottieren sie gefälligst Bemühungen, die Presse- und Meinungsfreiheit des Internets einzuschränken.

Alle Quotes sind in indirekter Schreibweise, da ich mich bei den Zitaten auf den live-Blog von Markus Beckedahl beziehe, der bei der Podiumsdiskussion anwesend war.

„Ein Rechtsfreier Raum“

Wenn man im Internet sich so durch die Seiten klickt, sollte einem nicht passieren, dass man auf eine Newsseite kommt, die davon berichtet, dass irgendein Politiker irgendwas über das Internet gesagt hat.

Nein, nicht weil da mal eben 350 Kommentare in drei Stunden zusammenkommen, da die Internetuser natürlich Themen, die mit dem Internet zu tun haben, besonders erbosen. Das Zeitbinder-Botnet (wie die Leser von FeFe genannt werden) bindet ja gerne die Zeit der anderen Leser, aber wer ein wenig öfter im Internet umherwandert, der kann mit solcher Kommentarflut umgehen.

Die Facepalms (englisch für die typische Handbewegung vors Gesicht, wenn jemand etwas absolut widersinniges macht oder von sich gibt) kommen eher von den Aussagen diesen Politiker. Meist sind es Politiker im Alter zwischen 40 und 60, per Definition also „Digital Immigrants“, heißt Menschen, die erst im Laufe ihres Lebens (meist erst vor 10 Jahren) das Internet kennengelernt haben.

Von Immigranten verlangt man ja normal, dass sie sich einer Kultur anpassen, wenn sie in diese reingehen. Verlangen wir zumindest von muslimischen, russischstämmigen, japanischen und was weiss wievielen Kulturen, und wenn sie es nicht tun, sind sie böse, Außenseiter, entwickeln eine Parallelgesellschaft. Kennen wir alle, diese Sprüche, meist aus dem Mund von Politikern der C-Parteien, wobei ja manche S-Politiker auch nicht besser sind (ich zeige da gerne mit nackten Fingern auf angezogene Sarrazins, da trifft es keinen Falschen.)

Wenns aber darum geht, sich an das Internet anzupassen, dann benehmen sich diese Politiker als Digital Immigrants schlimmer als es besagter Sarrazin sogar von den Migranten in Berlin-Kreuzberg beschreibt. Wieso sollte sich auch ein politischer oder unternehmerischer Wichtigtuer an bestehende Strukturen anpassen. Nein, die bestehenden Strukturen sollen sich wenn gefälligst an den Geschmack des Neulings anpassen. Eine Forderung, die außerhalb des Internets nur von einigen egalitären Gutmenschen gefordert würde, wenn es um die Integration von Migranten geht.

Ein Beispiel eines Politikers mit wenig Internet-Kenntnissen, aber vielen Forderungen ans Internet(und leider keine Ausnahme, sondern vor allem unter den C-Politikern ein Normalfall), ist Michael Wettengel, Zentralabteilungsleiter im Bundeskanzleramt und aus unerfindlichen Gründen Mitglied der IT-Steuerungsgruppe des Bundes. Fragt mich nicht, wie man solche Posten bekommt, wahrscheinlich kriegt sie derjenige der fehlerfrei „DSL“ schreiben konnte.

Besagter Wettengel fordert eine „Ethik fürs Internet“. Denn es gehe darum, „wie (…) mit der Freiheit im Netz umgehen.“ Den darauf folgenden Satz des „rechtsfreien Raums“ lass ich mal lieber gleich aus, im Angesicht von tausenden Abmahnanwälten, die jeden Pieps, der ihnen oder ihren Mandanten nicht gefällt, gleich mit Mahnbescheiden und beigefügten Rechnungen zudecken, kann man nicht von einem „rechtsfreien“ Raum sprechen, nicht einmal von einem Rechtsanwaltfreiem.

Ich frage mich nur, was er genau meint mit „mit der Freiheit im Netz umgehen“ meint. Es klingt, als müsse man seiner Ansicht nach Freiheit in einer ganz bestimmten Form „anwenden“, alles andere wäre unethisch. Nun gibt es einige Dinge, die sind unethisch. Mißbrauch von Kindern und die dazugehörige Dokumentation zum Beispiel. Die ist auch im Internet geächtet, jeder außer den Politikern und ihnen angeschlossene Anstalten wie das BKA schaffen es, diesen Dreck zu blockieren, sogar auf berüchtigten Seiten wie 4chan gehen die Admins zum Glück vehement gegen etwaige Postings vor.

Aber Moment, jetzt hab ich einen Fehler gemacht. Denn anders als Frau von der Leyen (das ist die ehemalige Familienministerin (jetzt Sozialministerin), die zur Demonstration wie schlimm Kinderpornographie ist mal eben eine Diashow in der dazugehörigen Pressekonferenz mit „Referenzbildern“ gezeigt hat) argumentiert Wettengel nicht mit der Kinderpornographie. Ist ihm wohl auch schon zu Ohren gekommen, dass ihm dieses Argument keiner abnimmt.

Terror geht auch nicht, denn wenn ein Mubarak die Internetabschaltung in Ägypten mit „Terroristen“ zu rechtfertigen versucht, obwohl es nur um twitternde und Facebook-Mails schreibende Demonstranten geht, fällt auch dieses Totschlagargument der Vergangenheit weg.

Nein, der Wettengel argumentiert lieber mit der Selbstregulierung der Banken und wie die fehlgeschlagen ist und dass damit natürlich auch die Selbstregulierung des Internets sicher nicht funktioniert. Wie kann auch etwas funktionieren, in dem die Bürger nicht die von der Bundespost kontrollierte „de-mail“ benutzen oder mit Nicknames sich bezeichnen, statt ihre Realnamen zu verwenden.

Ja, richtig gelesen. Der Internetausdrucker ist der Ansicht, ein Nickname ist gefährlich, da man sich ja dahinter verstecken könnte. Wir sind ja alles Terroristen (deswegen brauchte man ja ein Vorratsdatenspeicherungsgesetz) und da man wegen dem doofen Bundesverfassungsgericht nicht mehr vorratsdatenspeichern darf, sollen wir halt alle jetzt sagen, wie wir wirklich heißen, damit man weiss wer da jetzt irgendwie regierungskritisch ist. Wie soll das bei „Pfantasienamen“ der Variante „Unbekannter Nr. 1“ und „Unbekannter Nr. 2“ gehen 😉

Irgendwie hat der Herr Wettengel hier irgendwie den Sinn dieser Nicknames nicht verstanden: Sie dienen dazu, dass man eben nicht sofort erkennbar ist als „Hans Franz aus Hintertupfing, Erpelstraße 4“. Und das nicht mal, damit nicht Familienmitglieder wegen einem Probleme kriegen (damit argumentieren Politiker, wenn es darum geht, ob Polizisten ein Namensschild tragen müssen.) Sondern weil man ja angeblich wie Karl Thomas de Maiziere (auch CDU) den Datenschutz ausweiten will… geht natürlich super, wenn man anhand des Twitteraccounts, der natürlich den Realnamen beinhalten soll, dann sofort der P… Äh mom, ich glaub da ist irgendein Fehler in dieser Logik…

Was man merkt: Bei diesen Politikern weiss anscheinend im übertragenen Sinn der Fuss nicht, was die Hand grade macht und sie stolpern durchs Internets, nur weil sie als Machtmensch es natürlich gerne für sich einfach und bequem hätten, gehört das Internet gefälligst härter behandelt als es das RealLife ist. Ein Kommentator meinte: „Wenn das Grundgesetz erst jetzt geschrieben würde, dann würden die Politiker sicher keine Dinge wie Brief- oder Fernmeldegeheimnis da reinschreiben.“

Und das ist bedenklich, denn was man von einem Politiker auf alle Fälle noch zu erwarten hat, ist, dass er unsere Verfassung achtet und nach ihr handelt. Ja, klingt idealistisch, aber das Grundgesetz wurde ja nicht geschrieben, um uns Bürger zu drangsalieren (dafür ist das StGB da), sondern um den Politikern Ketten anzulegen. Keine wirklich wirksamen Ketten, aber wenigstens juristisch sogenannte Schranken, die sie nicht öffnen dürfen. Nur sie versuchen es immer wieder in der letzten Zeit und man fragt sich welche Partei man eigentlich noch wählen kann, wenn jede in bestimmten Zeiten mal verfassungsfeindliche oder zumindest bürgerfeindliche Gesetze plant, beschließt oder ausführt (Hartz IV haben wir schließlich auch den Sozialdemokraten und Grünen zu verdanken.)

Sowas kann nur noch aufregen. Und weil mich sowas in letzter Zeit immer mehr aufregt, werde ich wohl auch wieder öfters darüber schreiben. Denn es kann echt nicht sein, dass unsere Politiker und Unternehmer und wer sonst alles meint, vom Internet was zu verstehen, obwohl es in Wirklichkeit nicht so ist, weiter so rumagieren und die Mehrheitsbevölkerung das auch schluckt… ich möchte nämlich nicht, dass die erst wie in Ägypten aufwacht, wenn irgendein in Panik geratener Politiker plötzlich den Kill Switch drückt!

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