Internetsperren – die zweite

Vor einigen Wochen habe ich hier bereits über die Internetsperren geschrieben und geschrieben, wieso diese in meinen Augen keine Wirkung haben werden. Jetzt gibts dazu nochmal ein paar zusammengefasste Gedanken.

„Wenn nur ein Kind durch diese Sperren geschützt wird, hat die Sperre ihr Ziel erreicht.“ Ein Satz, der sicher vielen in den Ohren klingt, wenn es um die Verteidigung von Frau von der Leyens Interrnetsperren geht. Und die etablierten Medien, allen voran N24, Pro Sieben und Sat.1, labern es auch jedesmal treudoof nach.

Und auch auf RTL und n-tv hört man nur selten kritisches. Meist geht es um die Frage, inwieweit diese Sperren umgangen werden können. Eine einfache IP-Sperre (da wird quasi die Telefonnummer der Internetseite geblockt) kann durch Wahl eines freien DNS-Servers (das ist quasi die Vermittlungsstelle, oder anders ausgedrückt: Statt über die Telekom ein Telefonat zu machen, wählt man via Call-By-Call einen anderen Anbieter. Nur dass im Internet es weder eine DNS-Vertragsbindung noch dass es irgendwelche zusätzlichen Gebühren kostet, eine andere Vermittlungsstelle zu verwenden) beendet werden, weiterreichende Sperrmöglichkeiten wären am Ende ein ähnlich mächtiges Machtinstrument wie die Onlinedurchsuchung: Man weiss nicht, was gesperrt wird, wie gesperrt wird, was passiert, wenn man so ein Stoppschild sieht.

Beginnen wir mit dem „Was gesperrt wird.“ Versprochen wird, nur kinderpornographische Seiten zu sperren. So wie es angeblich in Finnland, Schweden und England geschieht. Was genau gesperrt wird, darf man natürlich nicht wissen, denn diese Seiten sind ja illegal und schon die aktive Recherche nach solchen Seiten (also nicht das Eintippen von „kinderpornographie“ bei google, sondern wenn jemand versucht, sich solche Listen zu beschaffen). Einige mutige Blogger haben aber in der Vergangenheit solche Listen entdeckt (anscheinend sind solche Datenschutzprobleme wie in England auch bei der schwedischen, australischen und finnischen Polizei ganz normaler Alltag) und auch analysiert (z.b. die finnische Liste). Und dabei festgestellt: Auf den dortigen Listen befinden sich zu 99% keine kinderpornographischen Seiten. Geblockt wurde vieles: Von normalen Teen-Seiten, auf die sogar ich schon geraten bin, denn sie sind legale Seiten, über sogenannte Child-Models-Seiten (was ab einem gewissen Grad des Actings illegal ist) über Internet-Provider aus Japan, tote Adressen, Seiten, die zwischendurch mal auf den 127.0.0.1 verlinken (für die Nicht-Experten: Das ist ihr eigener Computer) und einzelne die Sperren kritisierende Blogs. Interessanterweise ist Gaypornographie mit 25% der geblockten Seiten in Finnland anscheinend anstößig bis zum Ende.

Doch weg von den Listen, hin zu dem nächsten Problem: Falsche Verdächtigungen. Die Wikipedia wurde in Großbritannien geblockt. Grund: Ein Cover des Albums „Virgin Killers“ von den Scorpions aus dem Jahr 1976, wo ein Mädchen im vorpubertären Alter nackt dargestellt war. Also außer den Geschlechsmerkmalen, dort befindet sich zur Zensur ein Glasbruch. Nun kann man natürlich die Scorpions bzw. ihre Produktionsfirma dafür kritisieren, dass sie so ein Foto auf ein Album gepackt haben, aber ist das ein Grund, einen Artikel der Wikipedia zu blocken, in dem das Album beschrieben wird? Ginge man diese Entwicklung weiter müssten dann auch weitere Lemmata gesperrt werden. Z.B. die Lemmata über Lolicon, über den Film „Spielen wir Liebe“, der durch einen Gerichtsbeschluss von 2004 in Deutschland als Kinderpornographie gilt (obwohl er 1977 in den normalen deutschen Kinos lief, zu einer Zeit also, als solche Pornographie nicht nur verboten, sondern viel härter zensiert worden wäre, wenn für die Zensoren welche da gewesen wäre), oder auch über Filme und Bücher wie „Lolita“, „Kids“ oder die Mutzenbacher-Geschichten von 1913. Wohlgemerkt, die Filme Lolita und Kids gelten allerhöchstens als „wirklichkeitsnahe Darstellung von Jugendpornographie“ (der Film von 1977 ist auch kaum mehr, siehe Artikel), aber das dürfte manchen Zensoren wohl reichen.

Doch damit mit genug, kommen wir zum Dritten Punkt hier: Sperrung von Seiten ohne kinderpornographischem oder pornographischen, aber illegalen Inhalts. Die Rede ist natürlich von Seiten wie rapidshare, uploaded.to oder thepiratebay. Wurde bereits 2007 von der schwedischen Musikindustrie verlangt, und wurde nur ZWEI TAGE nach dem Unterzeichnen des Vertrages zwischen von der Leyen und den Internetprovidern von ihrem Kollegen aus Hessen (also genauer dem Verantwortlichen für die Bekämpfung von illegalem Glücksspiel) für Filesharer UND Glücksspielseiten im Internet verlangt. Sprich auch ganz nromale Menschen, die nur mal gerne eine nette Pokerrunde übers Internet spielen wollen oder die sich halt bei Rapidshare was downloaden wollen, landen auf der Sperrseite…

Und werden womöglich vom BKA gleich mitnotiert und „besucht“. Denn das verlangt die Justizministerin Zypries, dass die „Besucher“ dieser Stoppseiten geloggt werden sollen. Das heisst, anders als Frau von der Leyen es behauptet, soll dann das versehentliche Raten auf so eine Stoppseite nicht etwa ein „Kavaliersdelikt“ mehr sein, sondern soll vom BKA mit der ganzen Härte des Verfahrens verfolgt werden. Egal ob dabei Karriere, Familie und Leben der womöglich unschuldigen Person zugrunde gehen.

Glauben Sie nicht? Sie glauben, das BKA würde nur echte Täter verfolgen? Dann haben sie noch nichts von der Operation Himmel gehört: Auf einer Porno-Thrumpnail-Seite (da werden Links in Form von kleinen Bildchen gezeigt) auf einem Berliner Server erschienen für einige Zeit mehrere kinderpornographische Bilder. Und nebenbei wurde über Spam dieser Server beworben. Wohlgemerkt, 6 Bilder von wahrscheinlich (wenn ich von einer normalen Seite dieser Art ausgehe) 200. Und beworben über Spam… Am Ende kamen über 12.000 Verdächtige zustande, die mit Hausdurchsuchung, Beschlagnahmung ihrer Computer usw. bedacht wurden.

Doch nur nach einigen Monaten zeigte sich dann Ende 2007, dass die meisten dieser Besucher zufällig und ungewollt drauf gelandet sind, durch Spams, was an Zugriffszeiten von unter 10 Sekunden (so lange braucht man um 5 Seiten lange Homepage durchzuscrollen um zu sehen, was da der vermeintliche Kollege einem geschickt hat) gut zu erkennen war, und durch zufällige ungewollte Klicks. Doch gekostet hat es viele ihren Job, ihre Frau und ihren Ruf.

Und da ist dann das Problem mit der Verfolgung der Stoppseiten-Besucher: Selbst wenn Sie NICHTS böswilliges tun wollten, selbst wenn sie nur blöderweise auf einen Link geklickt haben, den sie nicht kannten, sobald sie auf so einer Seite landen, gelten sie für das BKA und die Bevölkerung, die dank der netten Informationspolitik dieser Behörde gerne mal Pressemitteilungen ausschickt, in denen „Täter“ genannt werden, weiss, was sie gemacht haben, als „Kinderficker“. Ehe Sie soweit sind, dass die Gerichte anerkannt haben, dass sie diese Seite NICHT aktiv besuchen wollten, sondern sich nur verklickt haben, können Sie schon den Strick nehmen und sich aufhängen.

Und es kann jedem passieren: Denn keiner kann wissen, ob der Link, auf den er klickt, wirklich sicher ist. Denn sogar Blogs, die nur über dieses Thema berichten, sind anscheinend dem BKA so anrüchig, dass einige Seiten (weil der Betreiber angeblich „einschlägig vorbestraft“ sei), die man derzeit für die Information über politische Ereignisse nutzt (im Extremfall sogar netzpolitik.de), auf der Blacklist landen könnten. Und wenn sie dann diese Seite aufrufen… kriegen sie nur das rote Stoppschild und können, drastisch ausgedrückt, nur noch versuchen, schnell genug auszuwandern.

Doch wer wird damit eigentlich gerettet, wenn alle zu potentiellen Tätern werden? Wird dadurch ein Kind vor sexuellem Mißbrauch bewahrt?

NEIN! Denn sexueller Mißbrauch findet, das ergeben viele Studien mit Mißbrauchsopfern, heimlich in der Familie statt. Der Täter will gar nicht erkannt werden. Hätte Fritzl seinen Keller gebaut, wenn er überall mit seinen Taten hätte prahlen wollen? Sicher nicht…

Und auch der von der Familienministerin angeprangerte „professionelle Kindesmißbrauch“ scheint wohl nur in ihrer Fantasie stattzufinden. Der Anwalt Udo Vettel,bekannt durch seinen „lawblog“, hat im Laufe seiner Karriere festgestellt, dass die meisten Konsumenten solcher Pornographie diese über Filesharing oder Tausch erhalten haben. Bezahlt habe, so Vettel, nur ein einziger seiner Klienten, und dabei wäre dieser dann auch gleich aufgeflogen.

Da fragt man sich schon, wie eine „professionelle“ Industrie sich finanzieren soll, wenn es anscheinend gar nicht ausreichend Kunden gibt…

Dass die noch existierenden Seiten aufgrund ihres Standorts innerhalb der EU oder USA jederzeit abgeschaltet werden können, habe ich ja bereits im letzten Artikel erläutert, tragischer bei diesen Sperren ist allerdings, dass damit aus Wahlkampfgründen die Augen verschlossen wird vor einem sehr brisanten Thema: Die Bekämpfung des sexuellen Mißbrauchs von Kindern! Wahrscheinlich lassen sich damit nicht so große Fallzahlen erreichen wie bei der Operation Himmel und ähnlichen BKA-Aktionen, oder mit der Abschöpfung der User, die auf eine Stopp-Seite gerieten. Denn um den sexuellen Mißbrauch eines Kindes zu entdecken, bedarf es vieler aufmerksamer, aber auch geschulter Kräfte.

Und die sind dem Familienministerium anscheinend zu teuer (was auch die Mißbrauchsopfer beklagen). Schade eigentlich. Denn auch wenn es die Leute von RTL und n-tv aus Unwissen oder Feigheit gegenüber den Politikern nicht sagen: SO wie die Regierung derzeit arbeitet, mit Internetsperren, Vorratsdatenspeicherung und BKA-Gesetz, wird keinem Kind geholfen!

Diskutiert mit, was haltet ihr von solchen Sperren. Die Links zu Artikeln kommen in den nächsten Tagen.

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Veröffentlicht in Acme.Talk. 1 Comment »

Eine Antwort to “Internetsperren – die zweite”

  1. viciousvideos Says:

    Man hat irgendwie das Gefühl das wenn im Raum steht es könnte um Kinderpornografie gehen, die Rechtsstaatlichen Grundrechte von Bürgern mit Stiefeln getreten werden können, und das sogar noch gutgeheissen wird.
    …tz..tz..tz.. armes unfreies Deutschland!

    Vicious Videos ist ein Kunstprojekt von Corinna Engel und Christian Kaiser. Und wenn ihr euch über den Inhalt der Seite (gestellte Pics von Heroinsüchtigen Jugendlichen) aufregt: Dann versucht nicht die Seite zu verbieten, sondern verändert die Realität, die dargestellt wird!


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