Bürgermeisterwahl in Uetersen: Eindrücke vom „Duell“

An alle Leser: Das Ergebnis der Bürgermeisterwahl in Uetersen 2008 findet ihr im dazugehörigen Artikel. Danke an alle Leser.

Post 100 hat es in sich: Dieses Mal geht es um knallharte Politik, um wichtige Weichenstellungen für die Zukunft und um drei Kandidaten. Und um die Stadt Uetersen, 17.000-Einwohner-Gemeinde im Nordwesten Hamburgs und derzeit heiss umkämpft.

Uetersen hat dabei vier drei Kandidaten, zwei Männer und eine Frau (ein weiterer Kandidat, Struck, ist gestern (wie immer) von seiner Kandidatur zurückgetreten, laut Anwohnern macht er dieses regelmäßig):

  • Wolfgang Wiech, gegenwärtiger Bürgermeister, der sein Amt verteidigen möchte.
  • Andrea Hansen, Kandidatin der SPD, die Hauptherausforderin von Wiech.
  • Jens Dieck, Kandidat der CDU, der sich als Dritte Alternative zu Wiech und Hansen profilieren möchte.
  • Nach dem Einlass in die Sporthalle an der Parkstraße, die sich bis auf den letzten Platz füllte, und bei der ich einen ehemaligen Klassenkameraden getroffen habe, stellten sich die drei Kandidaten erst einmal vor.

    Den Beginn macht Andrea Hansen. Sie beschrieb Uetersen als eine lebendige Stadt, geprägt durch viele verschiedene Chöre und Kulturvereine, das Rosarium und die Altstadt. Die Stadt sei wirtschaftlich florierend. Was ihr fehle, sei die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Rat und zwischen Bevölkerung und Politik, oft gäbe es ein Gegeneinander. Auch mit den Nachbargemeinden, hier vor allem Tornesch, gäbe es starke Konkurrenz und öfter auch starke Mißtöne in der Beziehungspflege.

    Nach diesem ersten politischen Statement stellte sie sich selbst vor. Sie ist 50 Jahre alt und arbeitet seit 2002 in der Uetersener Stadtverwaltung im Wirtschaftsressort. Außerdem ist sie die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt und diplomierte Sozialpädagogin. Vor ihrer Arbeit in Uetersen hat sie in Hamburg einige Jugendprojekte geleitet. Sie ist verheiratet und hat 2 Kinder. Zur SPD, die sie auch vorgeschlagen hat, sei sie in den 70ern wegen Willy Brandt gegangen.

    Ihre Kandidatur untermauerte sie mit der Formulierung von drei Zielen:

  • Neues Miteinander: Sie möchte als Bürgermeisterin weniger Konkurrenz und Mißstimmung zwischen Uetersen und den Umlandgemeinden, dem Kreis und dem Land erzeugen. Auch möchte sie den „unerträglichen Streit zwischen Rat und Verwaltung“ beenden, so ihre Worte.
  • Familienfreundlicher: Hansen verlangt mehr Angebote für Jugendliche. Uetersen soll wieder ein zentraler Platz für die Jugendlichen werden, die, so Hansen, nach der Schließung vom Cafe Bowy und anderer Angebote „auf Spielplätzen und in der Fuzo rumhängen“ würden.
  • Uetersen 2015: Uetersen soll weiter wachsen, die Wirtschaft ebenso wie die Einwohnerzahl.
  • Zum Ende ihrer Vorstellung sagte sie noch, sie wolle keine großen Versprechen machen (stimmt, gemacht hat sie keine präzisen, nur wages), und auch nicht sich als Frau unter Männern höher stellen. Sie wolle Bürgermeisterin für alle werden.

    Nach ihr stellte sich der CDU-Kandidat Jens Dieck vor. Der 44jährige zeigte sich unzufrieden mit der Position Uetersens in der Region, er möchte ebenso wie Frau Hansen die Stadt positiver vertreten als es der derzeitige Bürgermeister seiner Meinung nach tut. Uetersen müsse wachsen und sich weiter entwickeln (ein Grundtenor der Kandidaten). Er möchte im Jugendbereich mehr Angebote von der Kinderkrippe bis zur Schule und zu attraktiven Freizeitangeboten sich engagieren. Er hofft dabei auf die Unterstützung von den Vereinen der Stadt.

    Zum Schluss stellte sich Wolfgang Wiech, 55, seit 2002 Bürgermeister der Stadt, vor. Zu seiner scheinbaren Charakterisierung benutzte er Schlagworte, die die lokale Presse in der letzten Zeit verwendet habe, unter anderem „Unruhestifter“ und „Säbelrassler“. Dass er öfters etwas „ruppig“ seine Politik mit den Nachbargemeinden betreibt, verneinte er nicht, er verteidigte sich damit, dass er die Stadt Uetersen und ihre Interessen gegenüber dem Rat, den Nachbarn usw. zu verteidigen habe und da auch nicht immer Rücksicht auf gute Diplomatie nehmen könnte. Auf sein Amt, so der streitbare Kandidat, wolle er wegen den Unkenrufen einiger Journalisten und Politikern nicht verzichten.

    Sein Hauptthema war die Veranstaltungshalle, die seiner Ansicht nach nicht in die Stadtmitte, sondern an den Stadtrand gehöre, da nur hier die Gefahr von ewigen Beschwerden wegen Ruhestörungen abgewendet werden könne.


    Nach dieser Vorstellung der Kandidaten begann die Diskussion, zu der die Bürger mit den Kandidaten eingeladen wurden. Dabei wurden 6 verschiedene Themenbereiche gesetzt, das erste war dabei die Jugendpolitik.

    Hier äußerte sich zunächst Andrea Hansen: Bürgermeister Wiech habe es geschafft, dass durch zu wenig Geld und zu wenig Unterstützung das Bowy zumachen musste, Woodrock abgewandert ist und die Mehrzweckhalle für die Jugendlichen bis heute nicht errichtet sei. Sie sieht dadurch das Problem, dass die Jugendlichen zuwenig Plätze für ihre Freizeitgestaltung haben und möchte für diese „Unterstände“ (wir haben uns alle gefragt, ob sie damit Bushaltestellen und Zelte (sehr beliebt, siehe Frequency oder Wacken) meinte :D). Sie möchte die derzeit leerstehende Berliner Straße (also die dortigen Räume) für die Jugendlichen öffnen. Die Halle im Außenrand sah sie problematisch, man solle die Jugend nicht aus der Stadt hinausschicken und die Finanzierung des Baus wäre bisher nicht aussagekräftig geregelt.

    Jens Dieck sieht die Schulen und Jugendzentren gut unterstützt. Sein Hauptaugenmerk warf er dann auf die neue Mehrzweckhalle: Deren Standort sei noch nicht politisch entschieden, was die Umentscheidung des Rats beweisen würde.

    Wolfgang Wiech nahm erstmal die Abifeier, die jedes Jahr in der Bootshalle am Hafen stattfindet, als Beispiel dafür, dass man nicht viel Geld brauche, um eine für die Jugend attraktive Halle zu errichten. Das Hauptproblem wäre der Lärmschutz für die Anwohner, an dem auch das Bowy gescheitert sei, weswegen Wiech auf die abseitige Position der neuen Halle in einem Außenbereich der Stadt besteht und sich darüber empört zeigte, dass der Rat vor der Kommunalwahl durch CDU und BfB die Hallenlage genehmigt und nach der Wahl durch SPD, BfB und FDP wieder abgelehnt hat.

    Auf meine Nachfrage, wieso er auf die Idee komme, dass eine (wie Andrea Hansen erwähnt hatte) ohne große Dämmung ausgestattete Halle im Außenbereich keine Probleme bringen würde, wenn er doch selbst anmerkte, dass die Lärmdämmung für das Bowy das Aus gewesen sei (wobei hier damals ein Anwohner, der sein Gebiet an die Baufirma, die das Altenheim errichten wollte, verkaufen wollte, der Hauptdrahtzieher war), und die Abifeier meist nur deshalb stattfinden kann, weil die Schüler sich immer versuchen, mit den Anwohnern gutzustellen, merkte er an, dass es jedes Jahr vor der Abifeier Beschwerden durch Anwohner gäbe (anscheinend eine neue Entwicklung, 2003 hatten wir da noch wenig Probleme gehabt) und dass es sich nicht um Lärmdämmung, sondern um Wärmedämmung gehen würde. Meine Meinung zu dieser Meinung und zu den Themen allgemein könnt ihr am Ende des Textes lesen. Andrea Hansen mahnte dann an, man solle die Halle nicht zerreden, wichtiger wäre, wo diese stehen würde, die eigentlichen Bauplanungen könnten erst dann stattfinden.

    Die Schützengilde zeigte sich darüber empört, dass die Verhandlungen zwischen ihr und dem Bürgermeister abgebrochen wurden, weil der Rat sich nach einer Wahl umentschieden hatte. Dieck gab an, dass er für den Standort sei und die CDU die Entscheidung, die Entscheidung zum Hallenstandort zurückzuziehen, nicht mitgetragen habe.

    Die Pastorin des Jochen-Klepper-Hauses sagte dann, dass das Problem einzelne randalierende Jugendliche seien, nicht die Jugend allgemein, und dass die meisten dieser problematischen Jugendlichen aus sozial präkeren Schichten stammen, weswgen sie sich hier ein Eingreifen der Politik erhoffe. Wiech ging danach noch einmal auf den Ratsbeschluss ein und bezeichnete ihn als enttäuschend. Zu der Anmerkung der Pastorin antwortete er, dass die Hauptfaktoren des Problems Jugendbrutalität die schulische und elterliche Erziehung seien und die Stadt hier kaum was machen könne, sie würde schon vier Stadtjugendhelfer beschäftigen. Hansen sagte, gerade diese Jugendlichen bräuchten Plätze, an denen sie sich treffen könnten, und Dieck versuchte die Problematik mit der Behauptung, dass diese Jugendlichen sich nur abheben wollten, herunterzuspielen.

    Ein Rentner beschwerte sich dann, dass der Streetworker abgeschafft wurde und er öfters von Jugendlichen angepöbelt worden sei. Außerdem rege es ihn auf, dass an der Seminarstraße viele Schüler nebeneinander auf dem Rad fahren würden und er als Autofahrer hier nicht vorbeikommen würde. Eine Jugendliche verlangte dann, dass sich mehr um den alten Friedhof, der mittlerweile ein Park ist, gekümmert werden sollte, da hier nachts oft Jugendliche rumhängen und den Park verwüsten würden. Andrea Hansen sagte dann, das wäre eine Angelegenheit für das Ordnungsamt, und Wiech bezeichnete dieses Problem als einen „Dauerauftrag für den Baubetriebshof“. Er forderte aber auch Eigeninitiative der Bürger ein, statt sich nur beschweren sollten diese doch kleinere Verschmutzungen eigenständig entfernen.


    Danach wechselte man zum Thema Seniorenpolitik. Auch hier konnten die Kandidaten zuerst ihre Einschätzung der Situation aufzeigen, wonach die Bürger ihre Anliegen sagen konnten.

    Beginnen tat dieses mal Jens Dieck, der ankündigte, dass die Angebotsanzahl für die Senioren steigen würde, da auch die Anzahl der über 55jährigen stetig steige. Er sehe Uetersen als mögliches Ziel für ältere Touristen.

    Andrea Hansen sagte, dass die Senioren sich in Uetersen engagieren können und auch weiter sollen. Sie gab als Beispiel dafür den Seniorenpass an, der mit seinen reichhaltigen Angeboten immer beweise, wie viel für Senioren in Uetersen geschehe. Sie möchte für billigeren Wohnraum in der Stadt suchen, und zeigte sich froh darüber, dass der Streit um die Linie 61 (die Stadt Uetersen wollte diese nicht mehr mitfinanzieren) gut ausgegangen sei. Sie wolle als Bürgermeisterin eng mit dem Seniorenrat zusammenarbeiten.

    Wolfgang Wiech gab zu, dass es nach der Schließung des alten Altersheims und der Überführung der Senioren von dort in das neue Heim auch weiterhin nur ein begrenztes Angebot an Heimplätzen und Einrichtungen gibt. Er zeigte sich darum erfreut über die Angebote von Vereinen, Kirchen und Parteien (ob es da wirklich ein reichhaltiges Angebot, habe ich dann die Frau des Uetersener Schiedmanns, die zufällig neben mir saß, gefragt, sie sagte, dieses stimme eingeschränkt, je nach Interessen der Rentner).

    Ein Rentner beschwerte sich dann als erstes über Jugendliche und Erwachsene, die regelmäßig das Radfahrverbot im Rosarium ignorieren würden. Diese würden dreist und ohne Rücksicht auf Fussgänger und Rosenbeete die Wege als Abkürzung mißbrauchen. Er wünsche sich Absperrungen für Fahrräder. Wiech bestätigte diese Beobachtung, das Rathaus habe durch Beobachtung erhoben, dass täglich über 200 Fahrräder das Rosarium durchführen.

    Ein Bürger beschwerte sich, dass anscheinend für Jugendliche und Senioren viel getan würde, aber die 20 bis 55jährigen sowie die Behinderten dabei vergessen würden. So könne man als Gehbehinderter nicht zum Sozialamt, dass mit Tornesch gemeinsam geleitet wird, da der Zugang dahin nicht barrierefrei gestaltet sei. Hansen versprach daraufhin, dass Uetersen bei der Barrierefreiheit nachziehen werde. Wiech sagte, dass dieses kein Problem sei, die körperlich beeinträchtigen Menschen könnten ihre Angelegenheiten auch über das im Erdgeschoss des Uetersener Rathaus liegenden Bürgerbüro regeln. Dieck versuchte die derzeitigen Mißstände damit zu entschuldigen, dass es vielerorts viele Wünsche gäbe, die nicht alle aus finanziellen wie faktischen Gründen zeitnah erfüllt werden könnten.


    Nach dem Thema Senioren ging man über zum Abschnitt Stadtgestaltung. Dieses Mal hatte Bürgermeister Wolfgang Wiech das erste Wort.

    Uetersen solle sich erweitern, so Wiech. Die Stadt könne nur dann ihre Finanzprobleme lösen, wenn sie viele junge Menschen anlockt, die sich dort niederlassen. Das Problem alter Baumasse, vor allen beim „Geschosswohnungsbau“ (also die Hochhäuser der 50er bis 70er Jahre), die dringend sanierungsbedürftig sei, wäre ein privates Problem der Bauträger.

    Andrea Hansen begann dann positiv: Uetersen sei eine echt Stadt, keine Ansammlung vieler kleiner Häuschen, und sie wolle diese Stadtstruktur stärken. Sie wolle keine Supermärkte auf der grünen Wiese, und keine kleinen verteilten Ansiedlungen, sondern große Stadtbauprojekte, wie sie Tornesch machen würde. Außerdem müsse die Altstadt aufgewertet werden.

    Jens Dieck war bei der Größe des Stadtwachstums konkreter: Eine Einwohnerzahl von 20.000 Einwohner hält er für eine gute Größe. Vor allem jüngere Familien wären hierfür nötig, auch um die vorhandenen Schulen in Zukunft füllen zu können. Auch er beklagte wie Hansen, dass in zu kleinen Strukturen gedacht werden würde.

    Die erste Bürgerin fragte dann, was mit den leerstehenden Gebäuden geschehen solle, unter anderem das alte von Stamm-Gebäude. Wiech antwortete, dass dort eigentlich ein Mehrfamilienhaus geplant sei, es jedoch Probleme bei der Planung gegeben habe: Das Nachbarhaus hätte falsche Abmessungen und es müsse Neuberechnungen gebe. Die leerstehenden Häuser bezeichnete er als ärgerlich, aber ein privates Problem, die Stadt könne die Vermieter nicht zur Füllung der Wohnung zwingen. Er warf hierbei Andrea Hansen Versagen vor, was diese mit der Bemerkung, dass der Wohnungbau in seinen Bereich falle und sie im Rathaus für die Wirtschaft zuständig sei, abwehrte.

    Was mit der alten Deponie geschehen solle, wollte ein Bewohner wissen, ebenso wie die Situation beim Silo und beim alten Bauhof geregelt werden solle. Wiech beantwortete diese Frage damit, dass auf der Deponie keine Wohnungen oder ähnliches geplant sei und dass auf dem Bauhofgelände Wohngebäude geplant seien. Hansen sah den privaten Besitzer der Deponie gefordert: Dieser müsse sich erstmal entscheiden, wie er die Altlast bereinigen wolle. Was aus dem Silo werden solle, wisse sie noch nicht. Dieck verteidigte vor allem den Kauf des Silos durch die Stadt: Nur so hätte man mögliche Spekulationen von Immobilienmarklern abwehren können.


    Das nächste Thema in der Diskussion war die Schulpolitik. Uetersen hat bekanntermaßen eine Realschule, zwei Hauptschulen, ein noch kreiseigenes Gymnasium und mehrere Grundschulen. Dazu kommt der KGS-Schulzweckverband.

    Diesen hält die Kandidatin Hansen auch für nötig, er verbessert die Schulsituation in Tornesch und Uetersen sehr markant. Bald müsse auch das LMG vom Kreis übernommen werden. Was fehlt, seien einerseits eine Ganztagsschule und andererseite eine dazugehörige Mensa auf dem Gelände des ehemaligen Krankenhauses, wo die Schüler von Real-, Hauptschule und Gymnasium gutes Essen bekommen können.

    Dieck sieht eine Notwendigkeit zur Änderung des Schulsystems. Deswegen müsse das LMG in den Schulzweckverband aufgenommen werden.

    Wiech stellte klar, dass in seinen Augen erforderliche Verbesserungen vollzogen worden sind. Jedoch würde das neue Schulgesetz den Schülern und Eltern nun neue Probleme bringen. Welche, wurde nicht näher erläutert. Die KGS wäre eine gute Sache, war dabei die Aussage. Beim LMG verlangte Wiech ein Public-Private-Partnership-Modell: Er möchte die Immobilie nicht übernehmen müssen, da diese aufgrund von Hausschwamm (Schimmel)-Befall unattraktiv sei. Die Mensa bezeichnete er als „In Planung“, jedoch würde eine unentschlossene Krankenhausverwaltung der Stadt Steine in den Weg werfen, die neben der Frage der Bauträgerschaft der Mensa auch ein Parkplatzproblem bringen würde.


    Leider gab es zu diesem Thema keine Anmerkungen oder Fragen durch Bürger, weswegen gleich zum nächsten Thema Zusammenarbeit mit Nachbargemeinden gesprungen wurde.

    Hier äußerte sich zunächst Jens Dieck: Er forderte eine Verwaltungsgemeinschaft mit Tornesch, da die Gemeinschaft mit den Marsch-Ämtern positive Synergie-Effekt erzeugt habe. Man habe mit Tornesch vieles gemeinsam, sogar mehr als mit den Marschdörfern.

    Wiech bezeichnete, auch aufgrund von Kritik aus Medien und Politik, die Stadt Uetersen als „nicht gemeinschaftsresistent“. Die Gemeinschaft mit den „H-Dörfern“ (Haseldorf, Heist, Haselau, Moorrege (also eigentlich H&M-Dörfer :D)) würde jährlich Ersparnisse von 100.000 Euro erbringen. Ebenso gebe es deswegen eine Gemeinschaft mit der Stadt Elmshorn in den Bereichen VHS und Stadtwerke, da hier die Einsparung größer sei als bei einer Gemeinschaft mit Tornesch. Dass man aber auch mit Tornesch Gemeinschaften bilden könne, würden das gemeinsame Sozialamt, Abwasseramt und der gemeinsame Exekutor (Gerichtsvollzieher, Vollstrecker) beweisen. Das Ziel der Gemeinschaften solle seiner Ansicht nach immer, Geld zu sparen.

    Hansen zeigte sich besorgt, dass Uetersen ins Abseits gerate, weswegen man mehr mit Tornesch zusammenarbeiten wolle. Vor allem ein weitreichender Schulzweckverband und eine Einkaufsgemeinschaft mit Tornesch wären von Vorteil für beide Gemeinden.

    Eine Kreistagsabgeordnete aus Uetersen forderte dann von den Kandidten eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen Stadt und Kreis. Umlandbeziehungen wie die zwischen Pinneberg und Appen sollten nicht nur aus Kostengründen erfolgen. Wiech antwortete darauf, dass sie diese doch hätten, ob man es jetzt Verwaltungsgemeinschaft oder anders nennen würde, wäre nur „Haarspalterei“. Hansen forderte, dass man damit aufhören sollte, Streits über die Presse auszutragen, „auch wenn dieses diese natürlich nicht gerne hört“. Sie brachte die Idee ein, die Verwaltungsgemeinschaft mit den Marschdörfern zu einer Wirtschaftsgemeinschaft zu erweitern. Dieck beschwerte sich vor allem über die Art, in der die „notwendigen“ Streits ausgetragen würden. Wichtig bei diesen Streitigkeiten müsse immer sein, dass eine Zusammenarbeit nicht faktisch ausgeschlossen wird.


    Als letzten Punkt wurde dann das Themenfeld Sonstige Themen eröffnet, dieses durch eine Frage von von Ziehlberg: Dieser fragte, was die Kandidaten für die Wirtschaftsförderung tun wollten. Wiech versuchte sich mit dem Argument, dass für eine effektive und Investor-attraktive Förderung vor allem eine weitreichende vorherige Planung nötig sei. Ein Investor wolle nicht lange warten, bis langwierige Bewilligungen durch den Rat gegangen seien. Dieck war der Ansicht, dass Uetersen in der Vergangenheit vor allem das Problem hatte, die richtigen Interessenten für Gewerbeansiedlungen zu finden. Die Gewerbesteuer sei eine wankelhafte Einnahmequelle, die Schaffung neuen Wohnraums für Bürger, die regelmäßig Umsatzsteuer in die Kassen spülen, wäre für die Stadt vorteilhafter. Hansen forderte vor allem, dass ein neuer effektiver Flächennutzungplan erarbeitet werden müsse.

    Ein Bürger fragte, wieso es derzeit in Zeiten von Klimawandel und Energieknappheit keine Planungen für neue Windkraftanlagen gäbe, eine siebte Anlage könne kaum den touristischen Wert der Marsch mehr schädigen als die sechs bestehenden Kraftwerke. Dieck befürwortete die Idee für neue Windkrafträder, sah aber wie Hansen in der Ansiedlung neuer Anlagen keine Aufgabe des Bürgermeisters. Wiech wurde hier konkreter: Vor allem die Nachbargemeinden Groß-Nordende und Neuendeich würden sich gegen solche Anlagen aus touristischen Gründen wehren. Damit die Verwaltung die Planungen beginnen könne, müsste aber ein Bauantrag für ein neues Windrad gestellt werden.

    Eine Anwohnerin wollte wissen, was mit der derzeit in der Renovierung befindlichen Wassermühlenstraße geplant sei, wieso es dort ein ewiges Hin- und Her zwischen verschiedenen Baumaßnahmen gebe. Dieck gab dafür dem Rat die Schuld, dieser habe sich nach der Kommunalwahl neu entschieden, wogegen er als Bürgermeister nichts ausreden könnte, er müsse als Bürgermeister den Entscheidungen Folge leisten. Andrea Hansen begründete die Baumaßnahmen damit, dass die Renovierung der Straße lange notwendig gewesen seien. Wiech sorgte für einen Lacher, als er den geplanten (und vom Rat verworfenen) Bau einer neuen Treppe von der Wassermühlenstraße zum Rosarium mit den Worten: „Einige haben behauptet, der Bürgermeister“ (er meinte sich) „würde auf dieser Treppe wie ein König herabschreiten wollen. Aber das ist nicht so, die sind doch für unsere Hochzeitpaare, die hier in Uetersen eine Traumhochzeit feiern sollen“. Die Kosten für den Neubau der Wassermühlenstraße (immerhin 800.000 Euro) stellte er als notwendig dar.

    Nach dieser Frage meldeten sich keine Bürger, so dass der Schiedsmann der Stadt Uetersen die Bürgersitzung um 21:06 auflösen konnte. Die Kandidaten wurden danach noch von einigen Bürgern angesprochen, die sich von diesen Rat erhofften, die meisten Bürger verließen schnell die Turnhalle.


    Was ist dazu zu sagen? Nun ja, zuerst einmal: Nein, dass ist keine humoristische Erzählung aus Schildburga, dass war eine Bürgersitzung am 3. September 2008. Es ist doch interessant, mit was für Problemen sich eine Stadt mit 17.000 Einwohnern herumschlagen muss.

    Ich hab Uetersen nun in den letzten Jahren nur immer kurz besucht, aber auch mir fällt einiges auf. Das grassierendste ist dabei das schlechte Verhältnis der derzeitigen Bürgermeister von Uetersen und Tornesch, es gab einige verbale Ausrutscher auf beiden Seiten, die auch oft unter die Gürtellinie gingen. Sowas muss echt nicht sein, vor allem nicht bei zwei Städten, dessen gemeinsamen Grenzen man nur noch auf der Landkarte erkennen kann. Doch egal ob Schule, Abwasser, VHS, wo es nur ging, gab es in den letzten Jahren Streitereien, statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Anscheinend herrscht auf beiden Seiten die Angst vor, dass eine gute Zusammenarbeit für viele den Anschein einer „schleichenden“ Fusion der Städte haben könnte, was viele Altbürger der beiden Gemeinden ablehnen.

    Das Hauptproblem in Uetersen in neueren Tagen ist das Verhältnis zwischen Jugend und Restbürgern. Hier zeigt sich in meinen Augen sehr stark, wie wenig erfolgreiche Kommunikation zwischen den Generationen in den letzten Jahren zustande gekommen ist. Die Jugendlichen verloren viele Freizeiteinrichtungen in der Innenstadt, Beschwerden über Ruhestörung durch junge Leute häufen sich in der Stadt, und neue Projekte für Jugendliche werden durch einen dauerhaften Streit zwischen derzeitigem Bürgermeister und mit ihm in Opposition stehenden Parteien zerrieben. Schon das Bowy starb dadurch, dass es solange politisiert wurde (seit 2002), so oft sich Ratsbeschlüsse für und Verwaltungsbeschlüsse gegen das Bowy abwechselten, dass im Jahr 2005 kurz nach der 20 Jahrsfeier das Kultlokal für die Jugend dicht machen musste.

    Dass der Generationenkonflikt derzeit tief sitzt, ist am Statement einiger Rentner zu sehen: Es wird vor allem mit dem Finger auf die Jugendlichen gezeigt, von wegen: „Pöbeln mich an“, „Fahren nebeneinander auf dem Rad“, „Fahren im Rosarium“, ohne mögliche Lösungen zu erdenken. Eine für die Rentner anscheinend nicht naheliegende Erklärung für diese Mißstände: Es fehlen eindeutig Fahrradwege!

    Und zwar nicht Fahrradwege, die mit dem Fussweg zusammengepackt werden, dafür ist an der Seminarstraße kein Platz, sondern Fahrspuren auf der Asphaltstraße. Viele Städte haben gute Erfahrungen mit diesen Markierungen gemacht. Und auch die Seminarstraße könnte damit entschärft werden: Die Seminarstraße ist keine Durchgangsstraße, auch wenn es manche Autofahrer dafür halten. Eine neue Einteilung der Straße, bei der zwei abgetrennte Fahrstreifen für die Radfahrer am Straßenrand eingerichtet würden (nur die Verkehrsinsel bei der Realschule stellt hier eine Einengung dar) und einer Verlagerung der am Straßenrand parkenden Autos auf die Grasfläche beim alten Friedhof (das Problem mit den herunterfallenden Früchten der Alleebäume ließe sich sicher lösen) würde immer noch soviel Platz für den Autoverkehr lassen, dass zwei Autos aneinander vorbei fahren können. Benötigt würden nur: Ein paar Eimer Farbe für die Markierungen.

    Ebenso auch die Frage im Rosarium: Wieso wird hier nicht nicht der Querweg über die Insel, der von den meisten Radfahrern genutzt wird, zu einem geteilten Rad- und Fussgängerweg umgebaut? Dafür reichen einzelne Steine zur Abgrenzung der beiden Spuren und Farbe für die Markierung bei der Brücke. Gehen würde es sogar ohne: In Salzburg habe ich noch nie was von Unfällen am Makart- und am Müllner Steg gelesen: Dieses sind Salzachbrücken, auf denen ein kombinierter Fuss- und Radverkehr stattfindet. Der Makartsteg ist die von den Touristen am meisten überquerte Brücke, und außer einigen (oftmals leider deutschen) Touristen, die der Meinung sind, kombinierte Rad/Fuss-Wege würden nur ihnen gehören, gibt es normal nie Probleme, die Radfahrer sind durch die vielen Menschen zum vorsichtigen Fahren gezwungen (man steht quasi auf der Bremse), die Fussgänger zum umsichtigen durch die Stadt gehen. (In Salzburg würde ich allerdings auch gerne eine Markierung auf der Brücke sehen, damit die Fussgänger sehen, dass die Brücke keine reine Fussgängerbrücke ist.)

    Genauso die Sache mit den ewigen Beschwerden wegen Ruhestörung: Nichts gegen das Ruhebedürfnis der Rentner. Doch so wie die Jugendlichen darauf Rücksicht nehmen müssen, dass sie ab einer gewissen Zeit nicht übermäßig laut sein dürfen, müssen auch die Rentner und andere Anwohner einsehen, dass nicht nur ihre Meinung zählt, sondern sie auch die Jugend feiern lassen müssen, diese hat auf diese Freizeitgestaltung genauso ein Anrecht wie die Senioren auf ihren Tanztee. Ein Tipp dabei an die Anwohner, die meinen, dass die Verknüpfung Jugendliche Lärm eine immerwährende sei: Kommen Sie mit mir auf den Rudolfskai, der seit der Kameraüberwachung und stärkerer Kontrolle der Gastwirte stark an seiner Brisanz verloren hat. Es lässt sich alles regeln, ohne dass man die Jugendlichen ins „Outback“ abschiebt. (Der Rudolfskai befindet sich direkt in Salzburgs Altstadt, galt früher als Problemstraße an Samstagen, ist aber viel harmloser geworden, seitdem dort die Polizei stärker Präsenz zeigt, auch durch eine Kamera, und es ein Alkoholverbot vor den Lokalen gibt.)

    Die Rentner wollen eine lebenswerte Stadt, das ist klar. Das wollen aber die „Nichtrentner“ auch. Wie aber soll Uetersen, wie es geplant ist, junge Familien anlocken, wenn die Kinder kaum Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung haben, vor allem an Wochenenden und als Teenager? Ich als ehemals Uetersener Jugendlicher, der in einer mittlere Großstadt gezogen bin, kann dazu nur eines sagen: Ich würde nie in eine Stadt ziehen, die weder ein attraktives Freizeitangebot aufweist (und damit meine ich nicht Schützen-, Sport- oder Turnverein, auch nicht rumhängen im Rosarium), noch einen guten Anschluss an eine attraktive Großstadt (im Unterschied zu Tornesch, wo man schnell vor der Vorstadttristesse nach Hamburg „flüchten“ könnte). Ich merke es in Salzburg immer wieder, dass man als Jugendlicher aus Uetersen sogar im Vergleich zu den Vorstädtern von Salzburg viel „verpasst“ hat, nur Schulen und JZ und eine Bücherei anbieten reicht nicht. Zumindest dann nicht, wenn man, wie die Kandidaten sagten, möchte, dass die Bürger auch in Uetersen ihr Geld verbrauchen, dieses tun sie sicher nicht, wenn sie zum Bowling, zur Disco, zur Kultur, ja sogar zum Fastfood-Essen in die Nachbarstädte fahren müssen. Dann verbrauchen Sie ihr Geld nämlich da, in Elmshorn, Pinneberg, Wedel, Hamburg. Und Uetersen verkommt noch mehr zur Schlaf- und Rentnerstadt.

    In einer Sache muss ich da Wiech zustimmen: Wenn dieses Zerreden von Projekten so weitergeht, wird erst die nächste Jugendgeneration eine Halle haben. Nur: Er ist einer, wenn nicht DER Hauptschuldige an der Situation. So wie er am Anfang versuchte, durch das Kleinreden der medialen Unkenrufe sich besser zu stellen, so bestanden viele lautstark vorgetragene Statements von ihm aus Verteidigungsversuchen von Kommunikationsproblemen zwischen Verwaltung und Selbstverwaltung (Stadtrat), die er oftmals zu verantworten hatte. Die Beziehung zwischen ihm und Teilen des Stadtrats, die er versuchte, als wenige übliche Querulanten darzustellen, ist und bleibt vergiftet, das hat sich in sechs Jahren Regierungszeit nicht verändert. Und ein Wahlprogramm der Marke: „Es läuft gut, es wird weiter gut laufen, wenn ihr mich wählt“, wird anders als bei Adenauer 1957 nicht funktionieren.

    Und auch Jens Dieck war oftmals in einer Verteidigungsposition, da seine Fraktion oftmals mit Wiech gestimmt hatte. Er konnte sich in der gesammten Veranstaltung nicht als der glänzende Gegenkandidat zum ja ebenfalls bürgerlichen Wiech darstellen, es fehlte dem Kandidaten eindeutig an Farbe. Und auch gegen Andrea Hansen war er meist nur der schwächere Part.

    Diese konnte sich aber auch nicht Obama-like gegenüber ihren männlichen Mitstreitern absetzen: Ihr Programm, keine großen oder präxisen Versprechungen zu machen, mag politisch in Zeiten, in denen jedes Versprechen auf die Goldwaage gelegt wird, sinnvoll sein, es polarisiert dadurch aber nicht gegen Wiech. Ihre drei Ziele sind wohlbenannt, doch auch zahm und wenig mit Fakten untermauert. So blöde es klingt: Das von ihr versprochene hat ausgerechnet Wiech 2002 auch versprochen. Nun will ich Andrea Hansen nicht mit Wolfgang Wiech unter eine Decke packen, sicher nicht, sie kommt meiner persönlichen Empfindung her auch sympathischer rüber, doch ob das reicht?

    Eine persönliche Wahlempfehlung gebe ich sicher nicht. Die Logik kennt eh jeder Uetersener: Wer Wiech nicht mehr will, muss bei der wahrscheinlich stattfindenden Stichwahl den/die jeweilige(n) Gegenkandidaten wählen. Und wen man nun genau wählen will, muss jeder für sich abwägen. Diese Selbstfindungspflicht hat man als Staatsbürger.

    In diesem Sinne: Ein sehr langer Artikel zur Uetersener Politik. Hoffentlich waren die 4200 Wörter das Lesen wert. Und am 21. September ist Bürgermeisterwahl in Uetersen!

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    Eine Antwort to “Bürgermeisterwahl in Uetersen: Eindrücke vom „Duell“”

    1. Wahlen in Uetersen 2008: Das Ergebnis « Sinnvolles und -loses für die Welt Says:

      […] in Uetersen 2008: Das Ergebnis Also zuerst einmal Danke an alle Leser meines Artikels Eindrücke vom Duell, gestern (ja, gestern alleine) hatte ich 266 Views, heute bisher 66, Platz zwei bei Google, wenn […]


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