Der Wahlkampf in den USA

fand bisher in meinem Blog noch keinen Ausschlag. Verwundert sicher einige Leser meines Blogs, schließlich studiere ich ja Politik.

Nun ja, das liegt daran, dass zum einen Kollegen wie Georg sich bisher so intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben, dass ich mich damit begnügt habe, meine Meinung zum jeweiligen Beitrag einzutragen.

Denn was sollte ich über Barack Obama und Hillary Clinton schreiben, was andere nicht schon geschrieben haben? Dass Barack Obama bei Facebook fast 900.000 User unterstützen, während Hillary Clinton nur auf 190.000 kommt, nur knapp vor McCain mit 150.000? Dass Barack Obama nun die nötige Anzahl von Delegierten- und Superdelegiertenstimmen hat, um im August zum Präsidentschaftskandidaten gekürt zu werden? Oder sollte ich sarkaskisch gemeint schreiben, dass man nach seiner Wahl ganz genau den Himmel, die Meere und das Wetter beobachten müsse, da in den Hollywood-Katastrophenfilmen immer ein Schwarzer den Präsidenten gespielt hat?

Nein, ich denke, dass würde sich nicht lohnen. Denn anders als in anderen Vorwahlkämpfen (z.b. dem von Al Gore oder dem von Kelly vs. Edwards) fanden die diesjährigen Primaries auch in den europäischen Medien so intensiv statt, dass vielleicht erstmals ein größerer Teil der Deutschen, Österreich und anderer Europäer verstanden hat, wie das amerikanische System funktioniert.

Was mir an diesem System gefällt, auch an der dortigen Berichterstattung der Medien (z.b. CNN), ist, wie dort mit einem eigentlich öden Thema wie Politik umgegangen wird. Man kann es natürlich negativ sehen, dass fast. 400 Mio. Dollar insgesamt allein in den Vorwahlkämpfen verbraten wurde, dass die Präsidentschaftswahlkämpfe mehrere Milliarden Dollar kosten, dass also nur solche Präsident werden können,die viel Geld oder viele Menschen hinter sich wissen. Dass vor allem die Medienwirksamkeit über den Erfolg eines Kandidaten entscheidet (wobei der ausschlaggebende Faktor nicht das Aussehen, sondern die Identifikationsmöglichkeit der Seher mit dem Kandidaten darstellt, siehe McCain.)

Nein, ich finde es gut, dass das Thema sehr spannend abgehandelt wird. Gut, die Unterstützer der Kandidaten erzählten jede Woche dasselbe. Aber allein das Miterleben des Eintrudelns der Wahlergebnisse ist im Vergleich zum deutschen System, in dem Jörg Schönborn alle 1-2 Stunden mal ein neues Ergebnis der Auszählungen bekannt gibt, echt meilenweit voraus.

Die meisten sehen sich in Deutschland ja keine Wahlsendungen länger als 5 Minuten an, denn in deutschen Politiksendungen gibt es nur eine interessante Information: Die Prozentzahlen und die verteilten Sitze und Koalitionsmöglichkeiten. Was nicht daran liegt, dass es nicht mehr interessantes gäbe. Nur wenn als „spannendste“ Sendung des Wahlkampfs 2005 (als Beispiel) die Berliner Runde am Wahlabend, bei der sich Bundeskanzler Schröder selbst demontierte, gilt, stimmt etwas nicht.

Die gestrige Nacht hat den Unterschied einmal wieder gezeigt: Breaking News bei jedem Umschwenken eines Superdelegierten, Prognosen und Projections, wer die jeweilige Wahl gewinnt (auch wenn es manchmal den Spannungsbogen noch erhöht hätte, wenn die SiegerInnen nicht sofort bekannt gegeben worden wären), in anderen Wahlsendungen (gestern habe ich das echt vermisst) die county-genaue Auflistung, wer wo wieviel Stimmen bekommen hat, und das auf der Magicwall (ein wirklich interessantes Ding, muss ich sagen, nehm doch einmal solch einen Bildschirm, Jörg, statt immer nur irgendwelche Grafiken abzuspielen), Wahlreden der Kandidaten direkt übertragen, statt dass die Spitzenkandidaten nur öde in einem Studio ohne Zuschauer sich zu bestimmten Themen äußern.

Jetzt sagen sicher einige: Aber wie sollen die Zuschauer dann die Wahrheit hinter den Wahlsprüchen erkennen, man kann ja eine Wahlkampfrede von Barack Obama nicht synchron kommentieren.

Eine Frage: Muss man das? Sind Wähler im 21. Jahrhundert so dumm, dass man ihnen erklären muss, wie die Welt funktioniert? Oder dass sie nicht auch von alleine erkennen, wenn ein Politiker sie belügt oder ihnen weltfremdes verspricht? Glauben die Kritiker echt, dass die Obama-Anhänger dem Schwarzen blind an seinen Lippen hängen?

Und so die Frage: Wieso probiert man es nicht mal bei der Bundestagswahl 2009 aus: Vernetzung der Wahlbüros mit den jeweiligen Kommissionen, und die geben die Daten dann frei, so dass sich die Prozentzahl immer wieder anpasst, und dazu auch eine regionale Auswertung nach Wahlkreisaufteilung, und das nicht nur einmal nachts in der Spätsendung, sondern den Abend über. Nicht nur den Vollzug melden, sondern besser auch den Weg dahin aufzeigen. Auch die Unterhaltungen zwischen Anderson Cooper und den Medien- und Politikervertretern im Studio sind im Vergleich zu dem öden Politikerdeutsch, den die Spitzenkandidaten im ARD-Studio immer wieder an den Tag legen, ein wahrer Traum: Politik nicht als Präsentationsfläche einer Elite, die sich durch Sprache, Gestus und Langweiligkeit von der Normalbevölkerung abgrenzt, sondern die offen, kritisch und in normalem Deutsch sich auseinandersetzt. Und in der die Studiogäste miteinander reden, und nicht einer nach dem anderen, als wenn man in der Schule wäre.

Leider haben wir ja keine Vorwahlen, in denen man zumindest bei der SPD sicher einen spannenden Wahlkampf inszenieren könnte. Aber zumindest die Hauptwahlsendung könnte man aufmotzen.

Das amerikanische System ist also, anders als viele behaupten, nicht in allen Punkten überall von gestern 😉

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