Talk2move – meine Erfahrungen

Vor ca. 3 Wochen wurde ich auf der Straße von einer Maturantin angesprochen, die auf der Straße für den WWF Mitglieder werben wollte.

Nein, ich bin da nicht Mitglied geworden (bin eh Mitglied von Greenpeace, was ich aber mir grad überlege vielleicht zu lassen), aber ich habe mich mal, aus Neugierde, als Fundraiser bei der für die Werbeaktion zuständigen Firma talk2move beworben.

Am letzten Dienstag wurde ich dann zu einem spontanen Vorstellungsgespräch eingeladen in das Salzburger Büro an der Gabelsberger Straße. Mir würde dort zuerst das Geschäftsmodell vorgestellt, so die Dame am Telefon, und dann würde in einem persönlichen Gespräch geklärt werden, ob ich geeignet sei.

Gut, bin ich also hingeradelt, sind ja nur 5 Minuten Fahrt, und bin dort vorstellig geworden. Bin dann auch von einer netten Dame zusammen mit zwei weiteren Bewerbern ins Hinterzimmer gebracht worden, der eine war ein Mann in meinem Alter vom Typ “Bürokaufmann”, und dazu eine etwas ältere Frau vom Typ “alternative Selbstständige”.

Dort wurde uns das Geschäftsmodell vorgestellt, dass ich nachher noch näher erläutern werde, und dann wurden wir persönlich gesprochen. Ich persönlich habe zwar nicht so wirklich überzeugt, dennoch wurde ich zu einem Seminar am heutigen Tag eingeladen. An diesem Termin könne ich feststellen, ob ich für diesen Beruf geeignet bin.

Gestunken hatte mir da schon die Tatsache, dass, anders als vorher verlautbart, ich nicht die Wahl bekam, zwischen 2-6 Tagen in der Woche arbeiten zu können, sondern dass erwartet wurde, dass ich für mind. 5 Tage dort arbeiten solle. 8-9 Stunden am Tag, sprich 40-48 Stunden die Woche. Etwas viel für einen “ferialen Nebenjob” in meinen Augen.

Heute morgen um 9 war ich also wieder dort und habe mir zusammen mit 5 anderen Kandidaten, allesamt Schüler im Alter zwischen 17 und 18, mir das Seminar angeschaut. Es begann ganz normal mit Vorstellung, Foto machen und so, und dann wurde Tacheles geredet: Unser Job ist es, die Leute dazu zu überreden, den Beitrittsvertrag zu Greenpeace, ai, WWF und Care Österreich zu unterschreiben.

Gut, nichts gegen diese Hilfsorganisationen, sie brauchen Mitglieder und Spender, aber das klang dann für mich schon etwas sehr, wie soll ich sagen, ökonomisch. Wo war das der Pathos, dass man damit was für die Welt tut, usw.

Darum ging es auch im weiteren Verlauf des Seminars gar nicht. Sondern es ging darum, dass uns eingebleucht wurde, dass wir mit der Frustration fertig werden sollen, dass “die meisten Menschen Arschlöcher seien”, die halt nicht unterschreiben wollen würden, und dass wir uns daran aufbauen sollen, möglichst viele “geschrieben”, sprich möglichst viele Beitrittsformulare gesammelt zu haben.

Klingt fast wie ein Seminar für Astro-TV oder Zeitungsdrücker? War es für mein Gefühl auch, anders als die hochmotivierten (aber müden) Schüler blieb mir das nicht verborgen, was meine Zweifel an dem Job dann so groß werden ließ, dass ich nach einer Kaffeepause lieber gegangen bin.

Nun will ich ja Greenpeace, ai usw. nicht absprechen, dass sie Mitglieder werben müssen, denn kaum einer von uns wird außerhalb von Weihnachten mal was spenden. Aber ich war ja auch nicht bei Greenpeace, sondern bei talk2move. Einer Marketingagentur, die sich auf das Vermitteln von Mitgliedern an Non-Profit-Organisationen verschrieben hat. Wohlgemerkt, nur die NGOs sind non-profit, die Agentur selbst ist, so wurde es in der Vorstellung letzten Dienstag auch klargestellt, gewinnorientiert.

Greenpeace, ai, WWF und Co. kaufen bei dieser Agentur Werbekampagnen. Nach ihrer Homepahe vor allem als “Fixpreiskampagne. Das heißt, wir verdienen nicht am einzelnen geworbenen Fördermitglied, sondern berechnen den Vereinen nur den durch die Werbung entstandenen Aufwand.”

Und der Aufwand dürfte nicht allzu niedrig sein: Miete, Gehälter für die ständig angestellten Mitarbeiter und vor allem Gehälter für die Fundraiser. Pro geworbenes Mitglied verdient man zwischen 6-36 Euro, je nachdem, wieviele Mitglieder der Fundraiser im Monat geworben hat, welche Höhe des Mitgliedsbeitrags der Geworbene zahlt und ob er über oder unter 25 Jahre alt ist. Macht bei 5 geworbenen Mitgliedern am Tag (das Limit, dass man im Wochenschnitt erreichen soll) + 30 Euro, die man als Grundtagesgehalt kriegt, zwischen 60-180 Euro, wobei meist zwischen 80-120 herausspringen. Ein Mitglied bringt halt zwischen 1 bis 3 “Bruttopunkten”, die werden wieder abgezogen, wenn das Mitglied innerhalb von 3 Monaten den Vertrag widerruft. Und das Mitglied kann bereits abgehobene Beiträge auch wieder zurückfordern vom WWF oder Greenpeace.

Uns wurde auch zwei Rechenbeispiele gegeben, einen für einen Mitarbeiter mit 2-3 Tagen in der Woche und einem mit 6 Tagen: Der 2tägige Arbeitnehmer bekam 12×30 Euro + am Ende ca. 80 Punkte a 9 Euro. Macht unterm Schnitt ungefähr 1080 Euro. Der 6tägige Arbeitnehmer mit 22 Arbeitstagen und natürlich viel mehr Punkten machte 1500-1800 Euro.

Schon recht viel, und mom… profitorientiert? Dass heisst dann sicher, dass im Normalfall der Pauschalpreis so gewählt sein wird, dass die angenommene Summe Neumitglieder grade erreicht wird und dass nicht so oft der WWF oder ai sich über mehr Mitglieder als vorher veranschlagt freuen dürfen (denn die kosten nichts extra).

Nun argumentierte man bei talk2move mir gegenüber natürlich damit, dass, wenn das Mitglied durchschnittlich 2-5 Jahre bei der NGO bleibt, die NGO daran mehr verdient als ausgegeben wurde. Und die NGOs geben ca. nur zwischen 6 bis höchstens 20 % des Budgets dafür aus, denn ansonsten würden sie das Spendensiegel verlieren.

Nur die Frage ist: Was ist mit Mitgliedern, die wieder abspringen? Talk2move zahlt an die Fundraiser 3,60 für die Bruttopunkte und später den Restbetrag (halt zwischen 6-12 Euro minus die gezahlten 3,60 Euro je Punkt) für die Mitglieder, die nicht zurückgetreten sind. Die können aber immer noch zurücktreten, auch wenn es wahrscheinlich nicht so viele sind, sonst würde es sich ja nicht lohnen.

Aber man könnte ja auch einfach an Greenpeace spenden. Doch uns wurde abgeraten, viele Einmalzahlungsanträge anzunehmen, da wir dafür keine Punkte und talk2move natürlich kein Geld bekommen würde.

Wie gesagt, ich spreche hier von talk2move, einer Fundraising- oder besser gesagt Marketinggesellschaft, die Mitglieder für NGOs wie Greenpeace oder den WWF sammelt. Und ich kann verstehen, dass Greenpeace und der WWF nicht selbst werben, es ist aus Rationalisierungsgründen sicher besser, dieses eine externe Firma machen zu lassen.

Nur was ich mich frage:

Wieso ist diese dann z.b. nicht non-profit? Ich hatte eigentlich erwartet, als ich mich bewarb, dass talk2move non-profit arbeitet, sprich so kalkuliert, dass am Ende Einnahmen und Ausgaben in der Waage sind.

Wieso zahlen sie so viel an die Fundraiser? Würde den Job sonst keiner machen? Weniger Lohn würde mehr Geld für Greenpeace bedeuten? Sicher ist Fundraising ein anstrengender und aufwendiger Beruf und sollte gut entlohnt werden. Aber ich habe mich schon gefragt, ob für einige doch die Verdienstmöglichkeiten wichtiger sind als das Projekt, für das sie Geld sammeln.

Und wieso wurde im Seminar so in meinen Ohren recht abfällig über die Kunden gesprochen? Halt so, dass die Angesprochenen nur potentielle Unterschreiber sind, so kam es mir nämlich vor.

Wahrscheinlich bin ich aber einfach nicht für diese Jobs geeignet. Leider.

Oder doch zum Glück?

P.S. um mich mal rechtlich abzusichern: Ich schreibe hier nur von eigenen Erfahrungen und Gefühlen, die ich zum Thema habe. Die Gehaltszahlen, die ich nannte, sind so einer Broschüre von talk2move entnommen und können von jedem nachgeprüft werden (die Firma wirbt auch im Internet mit diesen Verdienstmöglichkeiten). Da ich keinen Vertrag (sondern nur ein Datenblatt mit Bewerbungsdaten) unterschrieben habe, unterliege ich auch nicht einer Verschwiegenheitsklausel bezüglich Einzelheiten. Weiters obliegt mir das Recht, frei über meine Erfahrungen zu schreiben, wie es die Bundesverfassung zur Meinungs- und Pressefreiheit vorliegt. Ich habe keine persönliche Motivation, talk2move oder einer der NGOs schaden zu wollen. Mein Beitrag soll nur Fragen aufwerfen. Nicht vorwerfen. Das nur mal so nebenbei, ich habe keine Lust auf Klagen ;)

Kleines Update

Ich hab mir mal die Greenpeace-Homepage, wo ich ja noch Mitglied bin, angeschaut. Und die suchen auf dieser Seite echt einen Mitarbeiter für Direct Mailing. Direct Mailing, andere nennen sowas Spam.

Update 2

Nachdem ich ja zum einen den ersten Kommentar freigegeben habe und auch via Email und Telefon mit Greenpeace selbst gesprochen habe, kann ich zumindest soviel sagen:

  • Nach Angaben von Greenpeace sind sie derzeit dabei, ein eigenes Programm auf die Beine zu stellen, um das Fundraising mehr in ihr Haus zu kriegen (damit wäre es dann natürlich auch non-profit, sprich das Ziel wäre dann am Ende das Werben neuer Mitglieder und nicht mehr “nebenbei” einen Gewinn zu machen).
  • Direct Mailing bezieht sich laut Greenpeace in diesem Fall nicht etwa, auch wenn das Wort es vermuten lassen könnte, auf Spams oder ähnliche Mails, sondern vor allem auf die direkte Kontaktaufnahme mit den Spendern, z.B. in Form der Greenpeace-Newsletter und der Versendung des “act”-Magazins.
  • 7 Antworten zu “Talk2move – meine Erfahrungen”

    1. Markt Sagt:

      Du solltest nicht den Fehler machen, vom englischen Begriff “Direct Mailing” auf E-Mails und damit SPAM zu schliessen. “Direct Mailing” bezeichnet zu 90% echte Briefe. Im Prinzip bekommt jedes Fördermitglied pro Jahr mehrerer solcher Briefe, und die müssen geschrieben und verwaltet werden. Teilweise werden solche Briefe – seltenst E-Mails – auch an Interessenten verschickt. Manche Menschen hinterlassen von sich aus ihre Adressen, man kann allerdings auch Adressen “kaufen” und die Leute dann anschreiben.
      Solche Mailings werden aber – im Gegensatz zu SPAM – nie wahllos verschickt, sondern immer an einzelne Personen bzw. Zielgruppen.

      Die Anforderungen der Stellenanzeige sagen dementsprechend auch worum es geht:
      Konzepte erstellen, evtl. Texten, und mit externen Partnern zusammenarbeiten. Das können vor allem “Lettershops” sein, denn solche großen Mengen Briefe werden extern gedruckt, von spezialisierten Firmen, und direkt automatisch eingetütet und zur Post gebracht.

      Organisationen wie Greenpeace gehen Mittelbeswchaffung bzw. Fundraising sehr rational an – ohne Geld kann halt auch Greenpeace nicht arbeiten. Und deshalb wird alles was Geld kostet – gerade auch Fundraising – natürlich auch auf Effizienz überprüft.

      Drückerkolonnen bzw. “DirectDialog”-Fundraising auf der Straße hat im deutschsprachigen Raum nicht den besten Ruf. Das kommt auch nicht von ungefähr, und als Organisation sollte man sich zweimal fragen, ob man das nötig hat.
      Ich persönlich halte es für etwas betrügerisch, da der Durchschnittsbürger eben denkt, die Leute würden das aus Überzeugung oder sogar komplett ehrenamtlich machen. Aber letzten Endes ist das nur ein Job im rationellen Getriebe der Non-Profit-Industrie.

    2. Greenpeace Sagt:

      Die Inhouse Kampagne von Greenpeace in Österreich existiert tatsächlich. Man versucht sich im Moment von Agenturen wie zb talk2move zu lösen.

    3. Klopfer Sagt:

      “Man versucht sich im Moment von Agenturen zu lösen” klingt nicht sehr danach, als wenn man dies wegen Bedenken gegen die Arbeitsweise der Agenturen tun würde. Denn dann könnte man die Zusammenarbeit umgehend beenden und müsste dann halt eine Weile ohne diese Drückermasche auskommen.

    4. saschap Sagt:

      Ich hab mal vor einem Monat mit einem von Talk2Move gesprochen, ein Teamleiter, und der kam mir recht schadenfroh rüber, von wegen: “Tja, Greenpeace machen viel weniger neue Mitglieder mit ihrer eigenen Aktion und die kriegen da noch mehr Geld”… Nur nach der zuständigen Mitarbeiterin soll der Sinn der eigenen Aktion auch nicht die Mitgliederwerbung, sondern vor allem die Information sein.

      Aber das zeigt ja ungefähr, wie die Firma tickt: Hauptsache er unterschreibt, ob er zur Idee steht, ist uns egal… kriegen zwar nur einen Festpreis für ihre Aktionen von den NGOs, aber sorry, eine Agentur, für die nur zählt: “Unterschreibt er oder nicht” denkt mir viel zu unpersönlich (und es passt zu dem was ich im Seminar hörte (als EINLEITUNG)).

    5. mehr info Sagt:

      hallo,
      habe mich auch informiert über greenpeace.
      ja, greenpeace macht eine eigene kampagne. und der vorposter bzw. der mitarbeiter von der fundraisingagentur hat recht. die mitarbeiter dort verdienen wesentlich mehr geld als ein fundraiser und das ergebnis ist weit aus schlechter…

    6. saschap Sagt:

      Mal ganz neutral gefragt: Ein quantitativ großes Anfangsergebnis wie bei Talk2Move, wo die meisten innerhalb der Widerspruchsphase sich wieder aus dem Vertrag lösen, oder ein qualitatives Ergebnis mit längerfristigeren Verträgen, bei dem aber am Ende weniger Abschlüsse zustandekommen?


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